Dass die "Leitwissenschaft Biologie quasi ohne Geschichte ist", hält Armin Geus für einen "unglaublichen Zustand". An keiner deutschen Universität wird die Geschichte der Biologie als eigenes Fach gelehrt. Studenten hören darüber allenfalls im Rahmen der Medizin- oder Wissenschaftsgeschichte. Auch gibt es in ganz Europa kein eigenes Museum für Biologiehistorie - außer in Neuburg an der Donau. Dort hat Geus in seiner Freizeit das Biohistoricum aufgebaut.

Derzeit arbeitet das im Herbst 1998 eingeweihte Museum die Geschichte der Biowaffen auf, für das nächste Jahr ist zur Genetik und Zytologie eine Dauerausstellung geplant. Wie dauerhaft diese allerdings sein wird, ist offen. Denn das einmalige Biohistoricum verfügt über keinen festen Etat.

Frühere Ausstellungen wie jene über Endosymbiosen oder die Anfänge der Mikroskopie waren für Geus stets "finanzielle Abenteuer der Extraklasse".

Zwar muss er für das spätklassizistische Altstadtpalais, in dem das Museum untergebracht ist, keine Miete an die Stadt zahlen. Und das Interieur spendierte das Land Bayern. Doch jedes Werbeplakat für eine neue Ausstellung, jede Einladung, die versandt wird, begleicht der Museumsleiter aus der eigenen Tasche. Auch Putzfrau, Aufseher und Müllabfuhr wollen bezahlt sein.

"Wir pfeifen bei jeder Ausstellung aus dem letzten Loch", berichtet Geus, Finanzierungslücken von 15 000 Mark seien ganz normal.

Doch Geus' Elan ist ungebrochen. Neben den Ausstellungen richtet er auch noch eine Fachbibliothek ein. 12 000 Bände und 130 000 Sonderdrucke umfasst sie bislang, die meisten Exemplare haben das Tageslicht noch nicht gesehen. Die braunen Kartons stapeln sich derzeit in städtischen Quartieren bis an die Decke. Gestiftet von Instituten oder Archiven biowissenschaftlicher Gesellschaften, eingesammelt von Geus, eigenhändig verladen und in die niederbayerische Kleinstadt gefahren. Nach der letzten Aktion, erzählt der 62-Jährige, habe er drei Tage lang Muskelkater gehabt. Mit alten Beständen aus dem Institut für Biologie der Max Planck-Gesellschaft in Tübingen wurden zwei Lkw überladen. "Der Besitzer der Leihwagenfirma jammerte: ,Wenn uns die Bullen schnappen, kann ich dichtmachen'", lacht Geus. Bei einer ähnlichen Aktion in Salzburg seien sie lieber gleich über die grüne Grenze ins bayerische Freilassing gekurvt, um "unangenehme Nachfragen" zu vermeiden.

Doch dieses Risiko ist ihm die Sache wert.

In den letzten 20 Jahren, schätzt der Biohistoriker, ist mehr Material vernichtet worden als in den beiden Weltkriegen zusammen. Ganze Bibliotheken werden in den Reißwolf gefahren, weil sie neuen Labors im Weg sind, Renovierungsarbeiten erschweren - oder weil sich einfach niemand für die alten Schwarten interessiert. Im besten Fall wandern sie zum Antiquar, und von dort aus zerstreuen sie sich in alle Winde - für die Forschung verloren für ewig. Doch nicht immer reichen Muskelkraft und ein Lkw-Führerschein, um die Geschichte in Buchform zusammenzuhalten.

Vor zwei Jahren hat der deutsche Evolutionsbiologe Ernst Mayr, der 1931 in die USA emigrierte, dem Biohistoricum seine wissenschaftliche Handbibliothek vermacht - ein einzigartiger Bestand. Viele Bücher des mittlerweile 94-jährigen Forschers existieren in Deutschland gar nicht. Schließlich hat Mayr seine amerikanische Sammlung in jenen Jahren zusammengetragen, als Deutschland sich in "arischer" Wissenschaft übte. Nun warten diese Raritäten darauf, endlich nach Neuburg zu kommen. Für Geus heißt das: "Jetzt muss ich die Transportkosten zusammenschnorren."