Nach dem Abitur verließ die junge Frau ihr Elternhaus, weil sie es dort nicht mehr aushielt. Ihr Vater war Major beim Militärischen Abschirmdienst und nahm ihr die Luft zum Atmen. Die Mutter, eine CDU-Stadtverordnete, war viel unterwegs. Ihr Berufsziel war unklar, sie wollte "etwas mit Menschen zu tun haben". Das war 1966, und Margot Schiller lebt in Bonn. Sie leidet unter Einsamkeit, unter der eigenen und der der anderen, sie lehnt die "traditionelle Zweierbeziehung und Zwangsgemeinschaft Kleinfamilie ab", diskutiert nächtelang über Camus, Sartre und den Sinn des Lebens. 1970 arbeitet sie im Heidelberger Sozialistischen Patientenkollektiv, nimmt dort an den Diskussionen über Politik und Antipsychatrie teil, zeigt sich beeindruckt von Lenin und ist bald überzeugt davon, dass "die herrschende Klasse ihre Macht nie ohne Gewalt" abg eben werde.

Bald darauf gewährt sie Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihrer Kellerwohnung Quartier. In der ersten Nacht muss sie sich noch vor Anspannung übergeben, kämpft sie mit den Normen und Werten ihrer Herkunft. Doch die politische Romantik siegt. Die 23-jährige Studentin ist beeindruckt von dem "Ernst", der von den Heidelberger Guerillakämpfern ausgeht, die in ihrer Abwesenheit auch ihren Hund bewachen. "Reden und Handeln" standen bei der RAF-Gründergeneration angeblich im Einklang. Sie bewundert den Eifer, mit dem Ulrike Meinhof an der RAF-Programmschrift Das Konzept Stadtguerilla schreibt, sie erzählt von den Kaffeetassen und Zigaretten, die der Arbeitseinsatz verlangte, schwärmt von den lautstarken Auseinandersetzungen, die es in der Gruppe gab, erinnert sich heute an das gemeinsame Leben noch immer wie an Szenen des Kleinen ZDF-Fernsehspiels. Von den Absichten und Inhalten des kleinen intellektuellen Kriegsstabes, den sie zu Beginn der siebziger Jahre in ihrer Wohnung beherbergte, scheint sie wenig verstanden zu haben.

Den Lebenserinnerungen an ihre Zeit in der RAF, die Margrit Schiller rund dreißig Jahre später im Exil in Uruguay verfasst hat, ist keine Distanz abzulesen. Sie beschreibt sich als eine Mitläuferin, eine Terroristin aus der zweiten Reihe, die darauf angewiesen war, bei Andreas Baader in Stammheim Rat einzuholen, wenn es galt, Pässe zu fälschen oder Autos zu klauen. Sie kritisiert die Gruppe, ihre internen Streitereien, ihre Unfähigkeit, ohne die Gründergeneration zu überleben, den inquisitorischen Umgangston. Aber sie kritisiert nicht ihre politischen Ziele. Sie bedauert die Haftbedingungen, denen sie viele Jahre lang ausgesetzt war und deren Darstellung auch im Zentrum des Buches steht. Aber sie bedauert noch immer nicht die Toten, die Fahrer und Botschaftsangehörigen, die den akademischen Guerillakämpfern im Weg standen. Von der Aktion des "Kommando Holger Meins", bei der im April 1975 zwei Botschaftsangehörige in Stockholm erschossen wurden, heißt es: sie habe ihr "Mut gemacht". Dennoch löst sie sich 1977 nach mehreren Hungerstreiks im Gefängnis von der Gruppe: Die "Härte der Konfrontation" sei für sie nicht mehr tragbar gewesen.

Das "Konzept Stadtguerilla", an das die junge Frau zunächst geglaubt, später nicht mehr geglaubt hat, bleibt eine unerklärte, unreflektierte Chiffre. 1979 wird Margrit Schiller aus dem Gefängnis entlassen, 31 Jahre alt. Den Sinn des Lebens suchte sie danach noch einmal "von vorn". Iris Radisch Margrit Schiller: "Es war ein harter Kampf um meine Erinnerung" Ein Lebensbericht aus der RAF herausgegeben von Jens Mecklenburg Konkret Literatur Verlag, Hamburg 1999 272 S., 39,- DM