Dresden

Welche Bauwerke hat man vor Augen, wenn von Dresden die Rede ist? Die Frauenkirche, aber ja! Und den Zwinger mit der Gemäldegalerie und die Semperoper. Manchen fällt jetzt auch der architektonische Glücksfall des neuen sächsischen Landtages ein, und nicht weit davon erhebt sich, im Dunkeln strahlend, die fein restaurierte "Tabak-Moschee" Yenitse mit ihrer orientalischen, bunt schimmernden Glaskuppel und dem Fabrikschornstein, der aussieht wie ein Minarett. Was aber käme einem zum Stichwort Jugendstil in Elbflorenz in den Sinn? Nichts. Doch nun erfahren wir, teils erleichtert, teils bedauernd, dass er in keine Bildungslücke fällt, sondern dass Dresden "keine wichtige Stadt des Jugendstils in Deutschland oder gar Europa" war, dass es zwar eine ganze Menge Fassaden gibt, die mit solchen Ornamenten geschmückt sind, aber nur wenige Bauwerke, die im Ganzen diesem Stil gehorchen.

Infolgedessen begeben wir uns neugierig in ein buntes Buch, das versucht, den ungekannten Schatz ans Licht zu holen: Jugendstilarchitektur in Dresden von Volker Helas und Gudrun Peltz. Es ist eine überraschende Besichtigungstour.

Wir begegnen malerischen, stattlichen, auch kuriosen Zeugnissen dieses Stils, der der einzige ist, der jemals "als Stil" erfunden wurde: um das wilde Stilgewirr der Gründerzeit aus der Welt zu schaffen, den zuletzt unerträglich gewordenen Eklektizismus all der Neostile am Ende des 19. Jahrhunderts. Es ging dabei vor allem um Kunst, um Handwerk

auch Industrieerzeugnisse hatte man im Auge - und die Architektur. Merkwürdig aber, dass sich dieser Stilwille so oft im Ornamentalen erschöpfte, jedenfalls in Dresden, und dass er hier so selten eine durch und durch gestaltete eigene Art der Baukunst hervorgebracht hat. Und so hat er auch das Bild der Stadt nicht mitgeprägt.

Das Autorenpaar führt geduldig von Fassade zu Fassade, von Bau zu Bau, zeigt zauberhafte Treppenhäuser, Portale, Fenster und Dächer, Lampen, Gartenpforten, Briefkästen und all den wunderlichen Skulpturenschmuck, den man ein bisschen belächelt, aber auch bestaunt. Nur schade, dass die Bilder manchmal briefmarkenklein sind und wenig erkennen lassen, dass der weiße, grüne, blaue Fond, auf den sie rätselhafterweise gedruckt sind, meist viel größer als die Botschaft ist, die er präsentieren soll, dass die affektierte Gestaltung weniger der Information (und dem Thema) dienlich ist als der Selbstdarstellung der Grafikkünstler: das Buch als Werbeprospekt. Und die kleine Schrift macht das Lesen mühevoll. Schade - denn, natürlich, ist es der Jugendstil Dresdens wert, einmal hervorgeholt und gesammelt zu werden.

* Volker Helas und Gudrun Peltz: "Jugendstilarchitektur in Dresden", Knop Verlag für Architektur, Fotografie, Kunst, Dresden 1999