Das habe ich also von der Cebit: Der Rücken ist krumm, die Füße tun weh, ich habe Hunger und die Laune ist so lala. Wie immer, wenn ich zu viele Männer auf einem Haufen gesehen habe. Und am Ende meines Lebens werde ich hinter einem Lenkrad klemmen, auf einem OP-Tisch liegen oder neben dem Sofa, und mir werden genau diese acht Stunden fehlen. Auf der Buchmesse klaut man wenigstens Bücher, wer die Hausfrauenmesse hungrig verlässt, ist selber Schuld, und selbst auf Lkw-Messen fällt eine MAN-Kappe ab. Auf der Cebit dagegen gibt es nichts wegzuschleppen außer Prospekten, die vier, fünf Wochen neben dem Schreibtisch gelagert werden und dann gebündelt zum Altpapier kommen. Drei dicke Tüten habe ich aus Hannover mit nach Hause gebracht. Zwölf Kilo. Eine Beute?

Ich stehe am Küchentisch. Ich hebe die maisgelbe Prospekttüte hoch. Auf der Tüte steht: "Excellent business software - We help small companies feel great". Ich kippe den Inhalt der Prospekttüte auf den Küchentisch. Es macht ein Geräusch wie Klatschwoschknispel. Es ist kein Rascheln. Eher ein Klatschen, begleitet von einem gewissen "Wosch". Am Ende dann dieses knirschende Knispeln, das entsteht, wenn man, auf einer Plastiktüte sitzend, in sehr tiefen Schnee rutscht. Zwölf Kilo Prospekte fallen auf meinen Küchentisch. Verteilen sich. Es entstehen ein Berg, verschiedene Klippen und Ausläufer, ein flaches Vorland.

So zurückhaltend, so ohne unmittelbaren Kaufanreiz begegnen uns die wenigsten Prospekte. Auf den Klippen meines Prospektberges hocken die größten Schreihälse. Das sind die billigen Jakobs der Telefontarife. Sie bombardieren mich pausenlos mit Gratisminuten und Freisekunden. Versprochen? Garantiert! "Wir garantieren Ihnen bis zu 50 % Kostenersparnis gegenüber den Tarifen der Deutschen Telekom AG!" Können Garantien halbseiden sein? Oder graue Kistchen? Der Duke 2000 ist ein graues Kistchen, das ans Telefon geklemmt wird. Es erinnert an gewisse Sparaufsätze für den Wasserhahn und diese magischen Kraftfeldinduktoren fürs Spritsparen. Der Duke kostet, wie alle halbseidenen Sparkistchen dieser Welt, exakt und einmalig 39,95 Mark und macht die Zeit der "Billigvorwahlen" vergessen.

Die Zukunft heißt ohnehin: Vergessen! Nehmen wir den Ladenschluss. Ein Prospekt der Firma Vivanco quietscht vergnügt: "Spassverdopplung mit glasklaren fetten Beats!" Die MP3-Player holen sich Musik aus dem Internet, "damit wir den Ladenschluss vergessen können". Ein kleiner schwimmbadblauer Prospekt der RWE Energie AG (Kruppstraße 5, Essen) jubelt, dass wir Einkaufen, Babysitten und den Abbruch des Urlaub, weil die Kühltruhe ausfällt, komplett vergessen können. "Bald kommt die ganze Welt aus der Steckdose", wenn wir "die intelligenteste Kilowattstunde nutzen, die es je gab". Unsere 220-Volt-Leitung wird dann zur Datenautobahn, leider aber erst irgendwann, und darum ist der RWE-Prospekt so klein. Man will es nur schon mal gesagt haben.

Tief drunten im Prospektberg aber, unter Ablagerungen von Infobroschüren zu den Themen "Sicherheit von Bankschaltern" und "Internet-Sicherheit - die Achillesferse des E-Commerce-Zeitalters?", liegen die Prospekte der Freisprecheinrichtungs-Hersteller verschüttet, und dort liegen sie gut. Kann man Menschen ertragen, die durch die Stadt laufen und - als wären sie psychisch beeinträchtigt - vor sich hin brabbeln, weil sie im Ohr einen Knopf und an der Krawatte ein Mikro tragen?

Dieser Folder ist nur für wenige da - sehr wenige

Blaugraumetallic angestrichen tritt der Prospekt der CyberPatrol an, großen und kleinen Firmen seine polizeilichen Dienste anzubieten. Den Zugriff auf "fragwürdige Internet-Angebote" gilt es zu kontrollieren. Es gehört zu den Eigenarten von Firmenangestellten, dass sie auf dumme Gedanken kommen. Das gilt besonders für die sittliche Gefährdung, die das Internet verheißt. CyberPatrol versperrt die Zugänge zu "Aktfotos aller Art", "diskriminierenden Inhalten", zu allem Satanischen, Alkoholischen, Extremen, Vulgären, ethisch Fragwürdigen und zu "Inhalten der Sexualerziehung".