Der Mensch ist nichts als ein Bündel von Trieben und wilden Begierden, die zu zähmen Aufgabe der Kultur ist. Stimmt nicht, behauptet Kenneth Dulaney, ein IT-Analytiker der Gartner Group: Der Mensch ist ein Bündel von Terminen und Adressen, die gezähmt werden müssen. Packt er all seine Termine und Telefonnummern in einen elektronischen Organizer, bedroht er nach Dulaney mit seiner ungezügelten Datenbegierde die Unternehmenskultur. Die Invasion der wilden Organizer stelle in den nächsten fünf Jahren eine der größten Bedrohungen für Unternehmen dar. Dezentral und unkontrolliert allein nach persönlichen Vorlieben angeschafft, unterwanderten die Organizer die informationelle Stabilität gerade dann, wenn sich Unternehmen auf den großen Sprung ins EBusiness einlassen. Nicht der knowledge worker, sondern sein knowledge tool, der Organizer, erscheint in der Vision des Analytikers wie eine Ausgeburt des internationalen Anarchismus.

Dulaney empfiehlt die Zähmung des wilden Bündels, die Standardisierung auf einen Organizer, der natürlich mit einem Betriebssystem der Firma Microsoft ausgerüstet sein sollte. Nur durch die Gleichschaltung aller Infomationen hätten Unternehmen die Chance, den Parallelwelten zur zentralen Infrastruktur den Kampf anzusagen und lückenlos die Daten zu kontrollieren , die auf einem Organizer das Unternehmen verlassen. Der Vorschlag der Gartner Group hat aber ein Manko: Kontrollierfreundliche Organizer, die mit Microsofts Windows CE ausgestattet sind, stellen nicht die Mehrheit am Markt. Palm III und Palm V von Palm Computing sowie die PC Companions von IBM führen ihn an. Auf der zu Ende gegangenen Cebit war in jeder grösseren Halle eine "Datentankstation" für diese Rechner zu finden, an der das Ausstellerverzeichnis geladen werden konnte. Die Stationen waren gut besucht. Überdies präsentierte das Symbian-Konsortium den Quartz, der ebenfalls ein Stück vom Markt besetzen möchte.

Aber sind die wild wuchernden Datenbestände der kleinen Organizer wirklich gefährlich? Wer Simson Garfinkels Buch The Database Nation - The Death of Privacy in the 21st Century gelesen hat, wird allen Datenbanken misstrauen . Das Buch wurde auf der Cebit inmitten des wuseligen amerikanischen Gemeinschaftsstandes aller Linux-Aussteller vorgestellt. Es beleuchtet die unvorstellbaren Datenmassen, die Versicherungen, Kreditkartenfirmen, Steuerbehörden und andere sammeln, kneten und untereinander austauschen. Jeder Mensch ist ein Datenbündel, das nur richtig gelesen werden muss. Es ist ein sehr amerikanisches Buch vom Ende der Privatsphäre , internationale Beispiele sind die Sache von Garfinkel nicht. Aber die Anleitung ist international: Kaufen Sie dieses Buch nicht mit ihrer Kreditkarte! Nehmen Sie ein öffentliches Transportmittel, wenn Sie zur Buchhandlung fahren! Schauen Sie nicht in Videokameras! Geben Sie eine falsche Postleitzahl an, wenn die Verkäuferin nach ihr fragt! Und kaufen Sie sich einen Organizer aus Papier.