Karriereplanung ist alles. Gleich nach dem Abitur wissen, was man will, sein Fach effizient studieren, Hochglanzpraktika absolvieren und dazwischen ein Auslandssemester. Mit 25 bewerben, und der Arbeitsplatz ist so gut wie sicher.

"Mainstream-Lebensläufe müssen nicht mehr sein"

Für Sylvia Reuther begann eine üble Zeit. Sie schrieb eine Bewerbung nach der anderen. Doch während die Kunsthistorikerin nachts bei der Post Briefe sortierte, tags Stofftiere verpackte und Touristen durch Bamberg führte, landeten immer nur Absagen in ihrem Briefkasten. Kein Arbeitgeber wollte Sylvia Reuther auch nur kennen lernen. Nach eineinhalb Jahren gab sie auf, eine Stelle als Kunsthistorikerin zu suchen, und spielte mit dem Gedanken, eine Banklehre zu beginnen. "Aber warum denn?", fragte ein Freund sie, "bewirb dich doch einfach gleich bei der Bank." Sylvia Reuther behauptete sich im Kreise von Betriebswirten und Juristen, kam in ein Traineeprogramm und arbeitet heute als Vermögens- und Baufinanzierungsberaterin bei der HypoVereinsbank.

Vor einigen Jahren wäre so eine Geschichte undenkbar gewesen, zumal in der konservativen Bankbranche. Heute stehen die Chancen besser, auch wenn es die Besitzer stromlinienförmiger Lebensläufe nach wie vor leichter haben. Was ist mit einem Bewerber, der sein Studium mit ordentlicher Note abgeschlossen hat, Praktika vorweisen kann, aber zwischendurch ein Jahr auf Hawaii surfen war? "Wenn es ihm etwas gebracht hat und er es begründen kann - warum nicht?", sagt Petra Sontheimer von Pixelpark. Jemand, der 14 Semester studiert hat, weil er sich sein Studium selbst verdienen musste? "Find ich klasse", sagt Birgit Huber von Aventis, "das zeigt, dass er Verantwortung übernehmen kann." Und wie sieht es aus, wenn jemand eine schlechte Note mitbringt, aber dafür drei spannende Praktika gemacht hat? "Der hat Chancen", sagt Markus Vorbeck von der HypoVereinsbank. "Die Praxiserfahrung ist entscheidend." Einhelliges Abwinken gibt es hingegen von allen dreien für einen Bewerber, der weder ein zügiges Studium noch Praxiserfahrung mitbringen kann. "Wer keinen Plan hat, sich von den Eltern finanzieren lässt und nicht nach rechts und links guckt, hat es schwer", sagt Markus Vorbeck.

Eine Liste, welche Ecken und Kanten im Lebenslauf akzeptabel sind und welche dem Bewerber garantiert alle Chancen nehmen, lässt sich nicht aufmachen. Doch es gibt zwei Zauberwörter, an denen man seine Berufsplanung und eine Bewerbung ein wenig ausrichten kann: "Soft Skills" und "Sichverkaufenkönnen". Soft Skills sind Persönlichkeitsmerkmale, die heute in keiner Stellenausschreibung fehlen: Team- und Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität, Mobilität, Engagement und Offenheit zum Beispiel. Alle Unternehmen suchen Mitarbeiter mit diesen Eigenschaften, doch kein Bewerber kann ein Zertifikat "Erfolgreicher Teamplayer" vorweisen. Also suchen die Personalverantwortlichen in den Lebensläufen nach Anzeichen für die gewünschten Soft Skills - und die finden sich eben häufig in Ecken und Kanten.

Sylvia Reuther hat sich intuitiv an diese Regeln gehalten. Als sie bei ihrer Bewerbung probehalber eine Kostenrechnung aufstellen sollte, versuchte sie erst gar nicht, nicht vorhandenes Wissen vorzutäuschen, sondern schrieb einfach auf das Blatt "Das delegiere ich" und bewies damit Kreativität. Und Flavia Bach empfand ihre drei Jahre der Suche nie als Manko. Sie wusste, dass ihr vor allem die Zeit im Ausland Sprachkenntnisse und Lebenserfahrung eingebracht hatten. Und so konnte sie ihre "Ecke" erfolgreich verkaufen.