Los Angeles

Spricht hier jemand Spanisch?" Die schwarze Frau, die aus ihrem Büro in die Empfangshalle des Watts Labor Community Action Committees eilt, ruft ihre Frage ungehalten in den Raum. Ihr Gesichtsausdruck und der verlegene Mexikaner in ihrem Schlepptau deuten darauf hin, dass ihr wohl eher eine andere Frage durch den Kopf geht: "Sprechen denn hier alle nur Spanisch?" Die beiden Afroamerikaner, die gerade durch die gläserne Eingangstür hereingekommen sind, blicken überrascht auf, ebenso der schwarze Jugendliche, der auf das Infoposter über den Mindestlohn starrt. Alle schweigen. "Klar, ich kann übersetzen", antwortet dann der kahl geschorene junge Mann hinter dem Empfangstresen. In perfektem Spanisch fragt er nach Ausweis und Arbeitserlaubnis des Mexikaners und sagt in ebenso perfektem Englisch: "Er hat keine Papiere." Die Frau stöhnt: "Schon wieder." Sie verschwindet in ihrem Büro - mit dem Satz: "Das wird schwierig."

"Wir sind eben überall", sagt Arturo Ybarra grinsend. "Und wir sind vor allem dort, wo man uns nicht vermutet. Zumindest nicht in so großer Zahl." Ybarra, ein kleiner, stämmiger Mexikaner, der nicht weit vom Arbeitslosenzentrum entfernt die Watts Latino Organization leitet, kennt jeden Winkel im Süden von Los Angeles. Und er weiß eines ganz sicher: "Wir werden täglich mehr." Dann zeigt er auf einen Stadtplan an der Wand seines kleinen Büros. Tatsächlich beginnt Lateinamerika danach mitten im Zentrum von Los Angeles. Es zieht sich entlang des Broadway, hinunter in die kleinen Fabrikanlagen von South Central, es schwappt in die Einfamilienhausviertel im Osten und versickert tief in den Sozialwohnungen von Watts, einer weitläufigen Einfamilienhaussiedlung im Süden der Stadt - überall Wohngebiete von Latinos, von Einwanderern aus Lateinamerika. Statistiken erzählen Ähnliches. Schon heute ist im Ballungsraum von Los Angeles fast jeder zweite Einwohner Latino, längst haben sie die Schwarzen als größte Minderheit abgelöst. In spätestens 20 Jahren wird die Hälfte aller Kalifornier im Alltag Spanisch sprechen.

Bush erkannte als Erster das Wählerpotenzial der Latinos

"Ich würde gerne auf Spanisch antworten, aber ich möchte diese schöne Sprache nicht verhunzen", entschuldigt sich Gouverneur George W. Bush. Kurz vor den Vorwahlen in Kalifornien tourt der Präsidentschaftskandidat der Republikaner durch Los Angeles. Bush hat als einer der ersten Politiker erkannt, welch gewaltiges Wählerpotenzial hier erwacht. Schon sind 15 Prozent der kalifornischen Wähler Latinos, Tendenz steigend. Ähnlich ist die Situation in Texas, Florida, New York und Illinois, und auch in anderen Bundesstaaten wächst ihre Zahl. Bush verkündet deshalb im Studio des spanischsprachigen Senders Univisión seine Botschaft vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das tüchtigen Immigranten schon immer eine Chance gegeben habe. Er spricht über Familienwerte und Religion, das Recht der Eltern auf die Wahl einer Schule - über Themen, mit denen er bei den überwiegend sozialkonservativen Latinos in Texas Erfolg hatte. Noch sehen die Umfragen bei seinen Zuschauern trotzdem die Demokraten vorn: Für die meisten Einwanderer ist Al Gores Eintreten für eine bezahlbare Krankenversicherung im Moment greifbarer als Bushs Botschaft vom Tellerwäscher-Millionär. Was er von Englisch als alleiniger Staatssprache halte, wird George W. Bush gefragt, und der Gouverneur antwortet elegant und ausweichend: Englisch sei in den Vereinigten Staaten wichtig, aber "Englisch plus" das Rezept für morgen. Neue Töne für einen Bundesstaat, der noch kürzlich per Referendum Englisch zur einzigen Unterrichtssprache gemacht hat.

"Wir schaffen die Reconquista, die Wiedereroberung, durch die Hintertür", sagt Arturo Ybarra. "Schließlich hat ein großer Teil Kaliforniens bis zum vergangenen Jahrhundert zu Mexiko gehört." Er sagt das ganz selbstsicher, und er sagt es auf Spanisch. Mehr als 90 Prozent der lateinamerikanischen Einwanderer sprechen überwiegend diese Sprache, egal ob sie zur ersten, zweiten oder fünften Immigrantengeneration gehören. Wie die meisten Latinos hat Arturo kein Problem mit seiner Herkunft, im Gegenteil. Er ist stolz darauf. Und er will seine kulturellen Wurzeln nicht vergessen. Seit drei Jahrzehnten wohnt der Einwanderer in Watts. Würde in manchen Vorgärten der Müll geräumt, würden die vernagelten Fenster mancher Häuschen geöffnet und die kaputten Zäune repariert - der Süden der Stadt ginge glatt als bescheidener Traum vom Glück im Vorort durch. Und an manchen Ecken, da scheint sich auch so etwas auszubreiten: Arturos Frau kann ihr Obst in einem Laden kaufen, dessen Hauswände mit Früchten bemalt sind - ganz im Stil mexikanischer murales. An der Wand einer Metzgerei hängt ein Bild der Schutzpatronin Mexikos, der Jungfrau von Guadelupe. Und Fisch verkauft ein Händler, dessen Schaufenster friedlich nebeneinander der mexikanische Volksheld Pancho Villa und Martin Luther King zieren.

Die spanischsprachige Minderheit organisiert sich

Nicht weit enfernt vom Bungalow der Latinogruppe am Wilmington Boulevard liegt eine Kampfzone von Watts, ein paar Blocks verkommener Sozialwohnungen: kleine, braun getünchte Reihenhäuser mit heruntergelassenen Rollos, Gitter überall. Neben einem Hauseingang verrostet ein kaputter Kinderwagen. Ein magerer Hund rekelt sich im Schatten einer Mülltonne. An die Hauswand gelehnt, starren drei schwarze Jugendliche auf den dunklen Gegenstand, den einer von ihnen in seiner Hand jongliert. Ein Revolver? "Genau dort haben sie mich zusammengeschlagen", sagt Jaime Zeledon. "Sie haben eine Brandbombe in unseren Briefkasten gesteckt. Wenige Tage später stand mein Auto in Flammen."

Jaime, ein dicker, glatzköpfiger Lehrer, war vor zehn Jahren aus Nicaragua nach Los Angeles geflüchtet. Er wollte seine Söhne nicht im Bürgerkrieg des Landes sterben sehen. Dass sie die Todesangst dann im Traumland USA kennen lernen sollten, damit hatte er nicht gerechnet. Das Haus in Watts, in das die Familie zog, gehörte zu den projects, seit Generationen von Sozialhilfeempfängern bewohnt, terrorisiert von schwarzen Gangs. Die neuen Konkurrenten aus Lateinamerika waren nicht willkommen. In dieser Gegend ist der Kampf ums Überleben hart. Jaime sieht das nüchtern: "Die Schwarzen wurden jahrhundertelang fern von der reich gedeckten Tafel abgespeist. Dann kamen sie an die Töpfe. Kein Wunder, dass sie deren Inhalt nun nicht mit einer neuen Gruppe teilen wollen."

"So richtig passen wir nirgends und überall hin", sagt Jaime und fragt: "Bin ich schwarz oder weiß?" Nein, der Mann ist nicht weiß und nicht schwarz, er ist braun. Nicht nur wegen der Hautfarbe sitzen die Latinos politisch zwischen allen Stühlen, aber sie offenbart das Problem: Kämpfen sie mit den Schwarzen um die Privilegien der Unterprivilegierten? Solidarisieren sie sich politisch mit den Weißen? Oder suchen sie ihre Identität als Latinos? Und woraus bestünde die dann? Es gibt Latinos mit weißer Hautfarbe und mit schwarzer - Arturo beispielsweise könnte oberflächlich betrachtet auch als Afroamerikaner durchgehen. Mit Hochlandindianern aus Ecuador hat er aber ebenso wenig gemein wie mit einem italienischstämmigen Argentinier, einem schwarzen Haitianer oder dem reichen Kubaner, der vor Castro nach Miami flüchtete. Manche Einwanderer sind erst seit ein paar Wochen da, andere seit Generationen, manche Latinos können ihre kalifornischen Vorfahren gar bis zu der Zeit zurückverfolgen, da dieser Teil des Kontinents noch mexikanisch war. Es trennen Klasse, Kultur und mitunter sogar die Sprache. Und während Popstar Ricky Martin im Nobelviertel Beverly Hills sicher auf jeder Party willkommen ist, dürfte Arturos Frau dort wohl nur putzen. Schon Danny Villanueva, der zur Zeit der Rassentrennung als erster Lateinamerikaner in der National Football League spielte, hatte bei jeder Reise das Problem vieler Latinos: Die schwarzen Spieler wollten ihn in ihrem Bus, die weißen ebenfalls. So musste er meist im Auto des Trainers fahren. Jaime sagt zu solchen Geschichten nur: "Latinos gibt es eben nicht." Und dann setzt er noch hinzu: "Vielleicht gibt das diesem Land aber auch die Chance, nicht mehr alles nur schwarzweiß zu sehen."

Der Weg nach oben bleibt vielen Einwanderern versperrt

Rasse hin oder her, Jaime zog wie viele andere aus Watts fort, weil er eine Klasse höher wollte. Ein bisschen weiter im Norden, in Huntington Park oder Monticello, wachsen die lateinamerikanischen Mittelschichtssiedlungen, sichtbare Beweise wirtschaftlicher Erfolgsgeschichten. Haus, Garage, Vorgarten - wie in jedem anderen amerikanischen Vorort. Nur das Sortiment der dazugehörigen Einkaufsviertel sieht ein wenig anders aus: Am Pacific Boulevard in Huntington Park verkauft die Buchhandlung libros en español, und der Laden nebenan ist voller Kommunionskleidchen. Downtown Los Angeles am Broadway, der beliebtesten lateinamerikanischen Einkaufsmeile, wirbt ein rotes Schild für Julios Hamburger-Imbiss, ein blaues für einen Taco-Grill. Nebenan, vor Guadelupes Hochzeitskapelle, blinken kleine Lämpchen, über der Tür steht "staatlich anerkannte Hochzeiten", und ein paar Schritte weiter bietet ein Büro "schnelle Scheidungen" und "Einwanderungsdokumente". Aus vielen Läden tönt Salsamusik.

Den Latinos gehören in Los Angeles mittlerweile über 200 000 solcher Geschäfte und kleine Unternehmen, fast 500 000 Familien verdienen genug, um zur Mittelschicht zu zählen. Sie sind das Rückgrat der Stadt. Inzwischen allerdings funktioniert der Absprung aus dem Slum nicht mehr so einfach wie bei Jaime. Die Einwanderungswelle ist so groß, dass viele Familien den Weg aus Watts nicht mehr schaffen. Zudem macht auch die immer stärker auseinander brechende kalifornische Gesellschaft den Aufstieg schwerer. Die Zahl der Armen wächst, im Großraum von Los Angeles gelten mittlerweile die Hälfte der Haushalte als arm. Die klassische Regel - die erste Generation der Immigranten macht die Drecksarbeit, die zweite stellt die Facharbeiter in der Fabrik, und die dritte schafft den Weg an die Universität - gilt längst nicht mehr. Jedes zweite Kind von Latinos bricht in Los Angeles die Schule ab. Längst schon streifen auch Latino-Gangs durch Watts. Ein neuer sozialer Sprengstoff, von dem die meisten Amerikaner noch nichts ahnen.

Den Zustrom an neuen Einwanderern wird das nicht stoppen, vielen Lateinamerikanern ist auch ein armes Leben als ungewollter Gast in den USA allemal lieber als das Elend zu Hause. Zudem - verwirklicht nicht immer wieder mal einer den amerikanischen Traum vom Glück und bleibt seiner eigenen Kultur doch treu? Marco Firebaugh beispielsweise, geboren in Tijuana, ist so ein Vorzeigeeinwanderer: jung, gut aussehend, eloquent, erfolgreich. Mit 14 Jahren kam er nach Los Angeles, arbeitete sich durchs College, lernte das politische Geschäft als Mitarbeiter eines Abgeordneten und ging dann selbst ins Rennen. Im vergangenen Jahr wurde er als jüngster lateinamerikanischer Abgeordneter in das kalifornische Parlament gewählt. Der in feines, graues Tuch gekleidete junge Mann weiß, dass die Zeit für ihn spielt. Schon jetzt fällt die Volksvertretung viele Entscheidungen nur noch mit der Zustimmung der lateinamerikanischen Abgeordnetengruppe. Und der Sprecher des Parlaments, ein Latino, plant gerade seinen Kampf um das Bürgermeisteramt von Los Angeles. "Wir sind dazu gemacht, künftig Kalifornien zu regieren", sagt Firebaugh. Er meint das ganz ernst.

Abends überträgt das Fernsehen aus dem Zentrum von Los Angeles die Verleihung der Grammys. Wieder einmal steigt ein kleiner Mann aufs Podium, schwarz gekleidet, einen schwarzen Sombrero auf dem Kopf. Dort oben hat er an diesem Abend schon dem lieben Gott, seiner Frau und seinem Bruder für die ersten der neun Preise gedankt, mit denen er heute ausgezeichnet wird. Nun erinnert Carlos Santana an seinen Vater. Der habe ihn die Freude an der Musik gelehrt - im mexikanischen Tijuana. Und dann sagt er, zur Kamera gewandt: "Was ich geschafft habe, könnt ihr auch schaffen."