Berlin

Noch weiß man nicht einmal, wer am Ende gegen Angela Merkel kandidiert. Die Generalsekretärin, das darf als sicher gelten, will CDU-Vorsitzende werden. Volker Rühe immerhin wollte die Landtagswahl in Schleswig-Holstein zum Plebiszit über seine bundespolitischen Ambitionen machen. Das klappte nicht recht. Was wird sich Jürgen Rüttgers noch einfallen lassen oder Bernhard Vogel? Doch nicht einmal Angela Merkel, die Favoritin, hat bislang ihre Kandidatur erklärt.

Hinter der gespielten Lockerheit, mit der sich Merkel und Rühe präsentieren, ist Anspannung spürbar. Gar nicht angespannt hingegen wirkt Wolfgang Schäuble, wenn er die neuen Spielregeln erläutert, nach denen seine Nachfolge geregelt werden soll. Ein wenig merkwürdig klingt das schon, wie der Nochvorsitzende, der als Fraktionschef oft und hart bewiesen hat, wie man schwierige Beschlüsse von oben nach unten exekutiert, jetzt plötzlich die basisdemokratische Wende seiner Partei verkündet. Sie soll "in sich hineinhorchen". Keinesfalls will man in der Personalfrage "schnell Ergebnisse verordnen". Es sei jetzt besonders wichtig, erklärt Schäuble, "Argumente auszutauschen", "offen und tabufrei zu debattieren", "aufeinander zu hören". In sympathischem Kontrast zur Praxis früherer Jahre will die CDU das Spitzenamt vergeben. Als "Lehre aus den schlimmen Erfahrungen" und als "Prävention" verkündet Schäuble den neuen Stil.

Was bleibt der Partei auch anderes übrig. Ein operatives Zentrum, das die wichtige Frage klären könnte, gibt es nicht mehr. Nicht einmal der Weg, auf dem die Personalentscheidung herbeigeführt werden soll, ist nach den Erschütterungen der vergangenen Monate noch klar. Je weiter man sich von der Praxis der Kohl-Jahre entfernt, desto eher kann die Parteiführung auf Zustimmung an der Basis hoffen. Kohls Maxime, wichtig sei, "was hinten herauskommt", ist jetzt ins Gegenteil verkehrt: Mit ihrem fast grün anmutenden "Der Weg ist das Ziel" begeben sich die Konservativen auf den Kurs der Läuterung.

Ganz gleich, ob man den basisdemokratischen Schub als Symptom der Krise oder schon als Heilmittel bewertet: Die Art und Weise, wie die CDU jetzt nach einem neuen Vorsitzenden sucht, wirkt schon wie eine Vorentscheidung. Schließlich war es das erklärte Programm der Generalsekretärin, nach dem Bonner Machtverlust die Partei zu öffnen, Brücken in die Gesellschaft zu schlagen, die innerparteiliche Debatte zu fördern und Entscheidungen demokratischer und transparenter zu machen. Sehr weit war sie damit bis zum vergangenen Herbst noch nicht gekommen. Aber die Finanzaffäre und Kohls zweiter Sturz haben die CDU jetzt reif gemacht für die neuen Einsichten.

Politisch-kulturell scheint sich die CDU bereits auf eine Vorsitzende Merkel einzustellen. Zum harschen Entscheidungsstil eines Volker Rühe jedenfalls will der rapide Wandel der CDU zur Diskurspartei nicht recht passen. Der frühere Verteidigungsminister tut sich mit den basisdemokratischen Anwandlungen sichtlich schwer. Bei der Vorstellung, am Ende könnte eine Mitgliederbefragung die Entscheidung herbeiführen, sieht er - wohl zu Recht - seine Chancen schwinden.

Zwar haben die Wähler in Schleswig-Holstein die CDU nach 16 Krisenwochen ein wenig stabilisiert, doch die erhoffte klare Unterstützung für Rühes bundespolitischen Anspruch blieb ihm versagt. "Das Signal von Kiel", wie er sein Wahlergebnis beschwörend nennt, markiert für die CDU nicht schon das Ende der Malaise. Es zeigt aber immerhin, dass die Krise der Konservativen nicht unüberwindlich ist. Die Stammwählerschaft unterstützt die Partei auch weiterhin, die bei der Wahl am vergangenen Wochenende annähernd bei dem Ergebnis der Bundestagswahl 1998 landete. In der Konkurrenz mit Merkel wirklich vorangebracht hat die Kieler Wahl Rühe nicht. Und das magere Ergebnis bei der Wahl zum Fraktionsvorstand hat ihn noch weiter zurückgeworfen. Nicht verwunderlich wäre, wenn Rühe seine Hoffnung auf den Parteivorsitz vorzeitig fahren ließe.