Der größte deutsche Konzern hat ein Problem: DaimlerChrysler ist erfolgreich, aber gefährdet. Es ist durchaus möglich, dass der Autohersteller eines Tages übernommen wird, zum Beispiel von einer sehr viel kleineren Internet-, Telekommunikations- oder Softwarefirma. Weltweit gibt es eine Reihe von Unternehmen, die weniger Leistung erbringen, weniger Geld verdienen, weniger Substanz aufweisen als Daimler, aber an der Börse mehr Schlagkraft und darum gute Chancen haben, einen Übernahmekampf zu gewinnen.

Total verrückt ist diese Börsenwelt: Daimler hat jetzt 22-mal mehr Mitarbeiter als der Softwareanbieter SAP und macht 29-mal mehr Umsatz; aber der Börsenwert dieses übersichtlichen Unternehmens aus Walldorf beträgt 90 Milliarden Euro - der des Stuttgarter Riesen bloß 70. Leichtfertig war Konzernchef Jürgen Schrempp, als er einst im Zeichen des Shareholder-Values den Börsenkurs von Daimler zum wichtigsten Maßstab für seinen Erfolg als Manager erklärte. Heute zeigt sich: Schrempp hat sehr gut gearbeitet, schlecht war sein Maßstab. Kann sein, dass die Daimler-Aktie unterbewertet ist; vor allem sind die Aktien manch anderer Firmen krass überbewertet.

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Ein Spiel mit dem Feuer, wenn das Zauberwort der auf die Börse starrenden Konzernchefs jetzt "Fantasie" heißt, also Einbildungskraft, während die Nüchternheit - die Tugend des Kaufmanns - im Kurs sinkt. Neulich fragte Schrempps glückloser Vorgänger Edzard Reuter, "ob die Unternehmer eigentlich noch Treiber des Geschehens sind oder vielmehr Getriebene". Der Nachfolger ist latent in solcher Gefahr, solange die Daimler-Aktie zu billig ist, weil unzählige andere Aktien zu teuer sind. Der Shareholder-Value frisst seine Väter.