Kanzler Gerhard Schröder ist ein Illusionskünstler: Er beseitigt ein altes Trugbild und schafft zugleich ein neues. Sein Vorschlag, Zehntausende von ausländischen Computerfachleuten für ein paar Jahre ins Land zu holen, zerstört die Lebenslüge, die Deutschen seien aus eigener Kraft für die Zukunft gewappnet. Im selben Augenblick weckt er jedoch die Illusion, die fremde Hilfe werde nur für kurze Zeit benötigt.

Die Bundesrepublik ist dauerhaft auf junge, tatkräftige Menschen aus Osteuropa und Übersee angewiesen. Für sie braucht man deshalb - anders als der Bundeskanzler vorgibt - nicht bloß eine "Green Card", eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, sondern ein umfassendes Konzept, kurz: ein Einwanderungsgesetz.

Doch die Bundesrepublik, soll sie wirtschaftlich weiter gedeihen, braucht noch mehr Einwanderer, ungefähr 500 000 pro Jahr, schätzt die Uno. Nur so seien der drastische Geburtenrückgang und die Überalterung der Deutschen wettzumachen. In ihrer kürzlich erschienenen Studie zeichnet die Weltorganisation ein apokalyptisches Bild für das Deutschland des Jahres 2050: die Bevölkerung von heute rund 80 auf knapp 60 Millionen geschrumpft, die Wirtschaft im globalen Wettbewerb hoffnungslos abgehängt, die Gesellschaft ausgezehrt und unfähig, ihre Rentner und Kranken zu versorgen. Die Prognose ist vielleicht zu düster, aber die Regierung, die Wirtschaft, selbst die Gewerkschaften haben die Botschaft verstanden: Ohne Einwanderung keine Zukunft.

Verkehrte Welt: Die Konservativen, die lange gegen die Einwanderungsgesellschaft Sturm liefen, müssen unter dem Druck der Unternehmer umdenken. Und viele Linke, die stets ein großes Herz für die Mühseligen und Beladenen hatten, erfahren nun, dass sich Migrationspolitik nicht am Elend dieser Welt, sondern an harten wirtschaftlichen Bedürfnissen orientiert.

Das ist wohl die erste Lehre, die am Ende sogar die Skeptiker, die Warner und die Wortführer an den Stammtischen überzeugen könnte: Einwanderer dienen dem nationalen Interesse; sie kurbeln den Wettbewerb und die Wirtschaft an, helfen deshalb, die leeren Renten- und Krankenkassen zu füllen, und schaffen damit letztlich soziale Stabilität.

Und dieser Einsicht folgt eine zweite Lehre: Weil nur helfen kann, wer etwas anzubieten hat, braucht Deutschland nicht irgendwelche, sondern qualifizierte Einwanderer. Man sollte deshalb nicht über Zahlen, sondern über Ziele reden - über die drei Ziele eines Migrationsgesetzes: verlässliche Kriterien, Integration, Aufnahmebereitschaft und Rückhalt in der heimischen Bevölkerung.

Verlässliche Kriterien: Heute braucht die deutsche Wirtschaft Computerfachleute, morgen unter Umständen Altenpfleger, übermorgen vielleicht Piloten. Doch wer legt den Bedarf und die Quote fest? Wie verhindert man, dass Entwicklungsländer ausgerechnet ihre besten Köpfe verlieren? In Kanada zum Beispiel entscheidet ein Gremium aus Unternehmern, Gewerkschaftern, Politikern, Bürgerrechtlern, Dritte-Welt-Aktivisten und Kirchenleuten. Der Vorteil: Alle Interessen finden Gehör, die Debatte ist offen, und am Ende weiß jeder zwischen Neufundland und Vancouver, wie viele Menschen Jahr für Jahr einwandern dürfen.