Der Junge steht auf dem Bug des Bootes wie eine Galionsfigur. Seine Schnürsenkel sind offen. In den Händen hält er ein kleines Floß mit einem Nelkengesteck in den Farben der kubanischen Flagge. Er starrt aus ängstlichen Augen die Fotografen an, die an Land stehen. Sie dirigieren ihn wie Dompteure. "Hierher!", rufen sie, und er dreht den kleinen Kopf. "Komm näher!", und er macht einen Schritt nach vorne. Aus dem Lautsprecher hinter ihm dröhnt die kubanische Nationalhymne, und er zuckt zusammen. Er legt die Hand auf sein Herz, bewegt die Lippen. Niemand weiß, wie der Junge heißt. Aber er sieht Elián sehr ähnlich.

Der Junge steht auf einem von vielen Motorbooten, die an der Uferpromenade von Miami festgemacht haben. Er ist umgeben von Erwachsenen, die seinen Kopf streicheln und Sträuße roter und weißer Rosen in den Himmel halten. Sie sind Exilkubaner, gekommen, um einer Frau zu gedenken, die irgendwo im Meer zwischen Kuba und Florida ertrunken ist. Sie war erst 29, eine Frau mit tiefen, leuchtenden Augen und aufrechtem Gang. Sie war eine von so vielen, die in der Straße von Florida mit einem Floß versanken und nicht wieder auftauchten. Und vermutlich würde niemand außer ihren Hinterbliebenen Elisabet Broton kennen, hätte sie nicht einen Sohn auf dem Meer zurückgelassen, der das Unglück überlebte und Elián González heißt.

Zweieinhalb Tage trieb er auf dem Meer, auf einem Autoschlauch, an den seine Mutter ihn gebunden hatte, bevor sie in den Tiefen des Meeres verschwand. Tage, in denen er die Passagiere des gesunkenen Floßes, einen nach dem anderen, ertrinken sah. Tage, in denen er einen Mann verrückt werden und ins offene Meer hinausschwimmen sah, verfolgt von einem anderen, der ihn retten wollte und nie zurückkehrte. In denen die Leiche einer Frau in seinem Schlepptau trieb, erdrosselt von einem Seil an seinem Schlauch. In denen er Delfine gesehen haben will, die um ihn kreisten und ihn vor den Haien beschützten.

Die Odyssee übers Meer endete am 26. November, dem Tag, an dem ihn zwei Fischer aus dem Wasser zogen. Nun begann das Trauma des Landgangs. Seit dem Moment, in dem Elián amerikanisches Festland betrat, ausgetrocknet und halb verrückt, kreist eine andere Sorte Hai um ihn: Kamerateams, Schaulustige, Geschäftemacher, Politiker. Und Delfine sind nicht in Sicht.

Drei Monate sind seither vergangen. Monate, in denen sein Großonkel in Miami ihn vor den Kameras vorführte wie ein neues Haustier. Monate,in denen er lernen musste, die Finger zum Siegeszeichen zu spreizen. In denen er durch Disney World taumelte, in einer Privatvorstellung mit David Copperfield zauberte und beinahe die Jahrtausendwende auf dem Times Square in New York eingeläutet hätte. Monate, in denen er um seine Mutter nicht trauern konnte und seinen Vater nicht sehen durfte.

Es ist die klassische Geschichte, eine Geschichte vom Meer, vom Tod, vom Schicksal und von der Macht. Eine Geschichte, wie alle Medien sie lieben. Mit einer gespaltenen Familie. Weinenden Großmüttern. Einem Onkel mit Vorstrafenregister. Einer Nonne, die zwischen die Fronten gerät. Einem Spion, der verhaftet, und einem Diplomaten, der ausgewiesen wird. Einem alten Diktator, der sein Vermächtnis retten will. Und mittendrin, zwischen der Weltmacht Amerika und der Machtwelt Kuba, ein kleiner Junge mit Zahnlücke.

Die Führer der Exilkubaner in Miami, die seit 40 Jahren auf den Sturz Fidel Castros warten, fürchten nichts mehr als eine Entspannung der amerikanisch-kubanischen Beziehungen, ein Ende der diplomatischen Isolation und wirtschaftlichen Fesselung Kubas. Mächtige Interessengruppen, unter ihnen die Farmer-Lobby und die US-Handelskammer, haben sich für ein Ende des seit 38 Jahren bestehenden Wirtschaftsembargos ausgesprochen, das hinter den Kulissen gelockert worden ist - mit Billigung des Weißen Hauses. Kubanische Musiker füllen amerikanische Konzerthallen, amerikanische Baseballteams tragen Freundschaftsspiele auf der Insel aus. Coca-Cola, McDonald's und AT&T können die Öffnung des kubanischen Marktes kaum erwarten. Und die Mehrheit der Amerikaner befürwortet inzwischen normale Beziehungen zu Kuba.