Jil, komm bald wieder!

Diesmal ist alles anders. Keine Einladung auf Japankarton in satiniertem Umschlag. Stattdessen ein Anruf, Anfang Februar. Er klingt nach Verschwörung: "Jil Sander zeigt ihre letzte Kollektion." Kein großer Auftrieb. Eher exklusiv, für Erwählte: "Superklein." In Mailand. In Mailand, ausgerechnet? Vor der Haustür ihres neuen Partner-Feindes Patrizio Bertelli, des Prada-Bosses und Mehrheitsaktionärs, dem sie Ende Januar den Krempel vor die Füße geworfen hat? Genau dort.

Eine Kampfansage? Ein letztes Aufglühen? Abschied, endgültig? So viele Fragen. Wie würde sie es machen: Frech - oder so wie immer? Cooles Understatement - oder alle Grenzen der Diplomatie sprengend? Auftrumpfend - oder mit Trauerrand? "Alle werden heulen", glaubt eine, die von der Gefühlslage der fashion crowd Ahnung hat. "Und hinterher wird gelogen, dass die Schwarte kracht."

Dann kommen sie, die Vestalinnen dieser Kollektion: Gisele Bündchen, die Brasilianerin, Lisa und natürlich die von Jil Sander entdeckte Polin Malgosia mit der auffallend niedrigen Stirn. "Kopf hoch, Schultern gerade, Blick nach vorn", genau wie es die wiederum auffallend anspielungsreiche Pressemitteilung anordnet. Was die Models zeigen? Jil Sanders greatest hits, gewissermaßen: schmales Understatement mit Ausflügen ins Unerwartete, wie die glockigen Röcke, die tiefer gelegten Rocktaillen und die Sechsachtelhosen. Farbe muss nicht sein, hier mal ein abgestrichenes Orange, dort ein müdes Mauve. Höchste Überraschung bieten die dramatischen Absätze der Pumps. Als Aschenputtels Schwestern staksen zwei Models mit blutigen Knöcheln auf und ab. Durchhalten!

Der Eklat: Bertelli sind die Stoffe zu teuer

Nach 15 Minuten: Jubel. "Bravo!" Tränen. "Beautiful", schnauft Ingrid Sischy ( Interview ). Auch wenn es in dem nun entstehenden Tumult gänzlich unbemerkt bleibt - Zufall kann es nicht sein, dass diese Schau, entgegen aller Routine, kein rechtes Finale hat. Stattdessen stürzt, mit verdächtig geröteter Nasenspitze, Suzy Menkes von der Herald Tribune im leicht abgewetzten Pfauenmantel hinter die Bühne, gefolgt von Angelica Blechschmidt, deutsche Vogue, die in ihrer lilafarbenen Prada-Tasche aus Straußenleder nach den Tempos nestelt. Schon reicht ein Assistent der "Queen of less" die Sonnenbrille. Don't cry for me, Germania! U nd dann wollen ihr alle, alle sagen, was sie längst weiß: Aufhören? Niemals!

Nach allem, was passiert ist, wäre das schon ein Wunder. Wen man auch befragt in der Modegemeinde, die jetzt Schlange steht zum Gratulieren (oder Kondolieren?): die Antwort ist einhellig. "Nein, aufhören kann sie nicht. Dafür ist sie einfach zu groß", sagt André Leon Talley, schwergewichtiger Botschafter der amerikanischen Vogue und everybody's darling hier. Nicht weniger als sieben Bademilchschachteln presst er an den mächtigen Leib, unter dessen Last bei einer Gaultier-Schau schon mal ein Stühlchen zusammenbrach. "Die Frauen identifizieren sich mit ihr. Bertelli und sie müssen miteinander reden. Das ist alles."

Miteinander reden - als ob diese verfahrene Geschichte zu regeln wäre wie eine normale Beziehungskiste. Eine kleine Chronologie der dramatischen letzten Monate kann die losen Enden versäubern.

Jil, komm bald wieder!

November 1999. Es sieht nicht gut aus am Pöseldorfer Weg. Die ersten Kündigungen. Langjährige Mitarbeiter fragen nach Adressen von Anwälten, die sich auf Arbeitsrecht spezialisiert haben.

Gehen muss auch die rechte Hand der Chefin, kundige Begleitung aus frühesten Tagen. Herren aus Mailand schweben ab und an in Hamburg ein, sichten und hauen auf den Tisch, um dann wieder zu verschwinden. Vollends eisig wird das Klima, als Überlegungen lanciert werden, wer fortan die Linie bestimmen könnte. Namen wie Hedi Slimane (Yves Saint Laurent) oder auch der gerade bei der Fashion Week ausgezeichnete Londoner Hussein Chalayan werden genannt. Jil Sander will nichts davon hören.

23. Januar 2000: Der Eklat. Patrizio Bertelli macht Jil Sander Vorwürfe: Warum diese teuren Stoffe? Wieso brauchen Entwürfe so viel Zeit, die nie den Sprung in die Kollektion schaffen werden? Da soll die Partnerin die Krallen gezeigt haben: Qualität - "Das ist die Essenz der Marke überhaupt." Was folgt, war dem Vernehmen nach ein finale furioso. Gebrüll, zugeschlagene Türen, Abreise. Und, nachgereicht, die dürre Mitteilung: Ich ziehe mich zurück.

Und das, als gerade Einkäufer aus aller Welt im prunkvollen Nähstübchen an der Außenalster die neue Kollektion in Augenschein nehmen. Die fragen sich, wie es nun weitergehen soll: "Jil Sander without Sander - how could it work?"

Anstatt Mode: Erbsen und Narzissen pflanzen

Ein Sturm bricht los. "Das werde ich nie vergessen", erinnert sich Suzy Menkes, die Domina der Modekorrespondenten. "Mein Handy klingelte, mitten in einer der Herrenschauen in Paris. Vor mir auf dem Laufsteg lief dieser süße Schwule auf und ab, und jemand sagte: Ruf sofort bei Prada an, da brennt's. Ich bin fast vom Stuhl gefallen. Dann habe ich als Erstes Helmut Lang in New York geweckt, morgens um 6 Uhr."

Ein Ende mit Schrecken. Wer mit einer Sache aufhört, hat ein Problem. Wie geht es weiter? Das ruhige Leben pflegen auf dem Holsteiner Landgut, Narzissen setzen und Erbsen wachsen sehen? Kaum.

Jil, komm bald wieder!

Da stehen sie nun, ihre wichtigsten Geschäftskundinnnen, Trudi Goetz aus Zürich, Joyce Ma aus Hongkong und natürlich Linda Dresner aus New York. Sie alle haben gut gelebt von Jil Sanders Mode in den vergangenen Jahren. Das soll vorbei sein? Sie halten ihren Arm, reden, halten sie mit Blicken fest, sie, die ihnen verloren gehen könnte. Die Sphinx lächelt. Dann sagt sie: "Wait and see. Es gibt immer ein Auf und Ab im Leben."

Abwarten. Und entscheiden. Wie die Dinge liegen, hat sie drei Möglichkeiten. Erstens: Zurück auf Feld 1. Sie nimmt ihr Geld und schlägt Bertelli einen Deal vor: Ich will die 75 Prozent des Unternehmens zurückkaufen.

Zweitens: Neues Spiel, neues Glück. Jil Sander tritt tatsächlich ab. Im Augenblick ihres Triumphs. Für immer eingegangen in den Olymp der Modegöttinnen, gemeinsam mit Coco Chanel und Elsa Schiaparelli. Um noch einmal ganz von vorn zu beginnen. "Wenn eine Tür zufällt, geht eine andere auf", auch diesen geheimnisvollen Satz hat sie in den vergangenen Wochen öfter fallen gelassen.

Möglichkeiten gäbe es gewiss. Eine Homecollection, eine Designakademie, eine edle Stiftung für Arts & Culture. Was es auch sei: ihren Namen darf sie dafür zwar nicht benutzen, da sei Prada vor. Solange sie es ist, die mit einem Engagement identifiziert wird, kann das kein Hindernis sein.

Und drittens, als letzte Option: "Die Koffer packen und nach Neuseeland gehen", so hat sie es neulich grimmig umrissen. Wer sie kennt, weiß: So weit wird es nicht kommen. Für Muße, Lebenslust und Genuss ist eine Dithmarscherin die falsche Besetzung.

Apropos Neuseeland: Patrizio Bertelli ist während der Schauen in Mailand nicht erreichbar. Fern in Auckland verfolgt er, wie sein Boot um den America's Cup kämpft. Bertelli hat weder am Material noch an der Mannschaft gespart und schon im Halbfinale die Konkurrenz aus den USA hinausgeworfen. Mailand fiebert mit ihm, selbst im Schaufenster des Caffè Cova segelt die Luna Rossa mit Esspapier-Takelage. Was nicht verhindert, dass das Kiwi-Boot nun schon zwei Punkte vor ihm liegt. Eine Nachricht, die das Team von Jil Sander möglicherweise erfreut zur Kenntnis genommen hat.

Ach, das Team. Viele Taschentücher sind geknüllt worden. Und doch, da ist auch Trotz. Beim Direktverkauf am vergangenen Samstag, draußen in Ellerhoop vor den Toren Hamburgs, rissen sich gestylte Damen die Kaschmirteilchen unter den lackierten Nagel, als ginge es um Internet-Aktien. Wird Mode wieder Mangelware? Eine Kundin: "Man weiß ja nie, wie lange man noch original Sander bekommt."

Jil, komm bald wieder!