November 1999. Es sieht nicht gut aus am Pöseldorfer Weg. Die ersten Kündigungen. Langjährige Mitarbeiter fragen nach Adressen von Anwälten, die sich auf Arbeitsrecht spezialisiert haben.

Gehen muss auch die rechte Hand der Chefin, kundige Begleitung aus frühesten Tagen. Herren aus Mailand schweben ab und an in Hamburg ein, sichten und hauen auf den Tisch, um dann wieder zu verschwinden. Vollends eisig wird das Klima, als Überlegungen lanciert werden, wer fortan die Linie bestimmen könnte. Namen wie Hedi Slimane (Yves Saint Laurent) oder auch der gerade bei der Fashion Week ausgezeichnete Londoner Hussein Chalayan werden genannt. Jil Sander will nichts davon hören.

23. Januar 2000: Der Eklat. Patrizio Bertelli macht Jil Sander Vorwürfe: Warum diese teuren Stoffe? Wieso brauchen Entwürfe so viel Zeit, die nie den Sprung in die Kollektion schaffen werden? Da soll die Partnerin die Krallen gezeigt haben: Qualität - "Das ist die Essenz der Marke überhaupt." Was folgt, war dem Vernehmen nach ein finale furioso. Gebrüll, zugeschlagene Türen, Abreise. Und, nachgereicht, die dürre Mitteilung: Ich ziehe mich zurück.

Und das, als gerade Einkäufer aus aller Welt im prunkvollen Nähstübchen an der Außenalster die neue Kollektion in Augenschein nehmen. Die fragen sich, wie es nun weitergehen soll: "Jil Sander without Sander - how could it work?"

Anstatt Mode: Erbsen und Narzissen pflanzen

Ein Sturm bricht los. "Das werde ich nie vergessen", erinnert sich Suzy Menkes, die Domina der Modekorrespondenten. "Mein Handy klingelte, mitten in einer der Herrenschauen in Paris. Vor mir auf dem Laufsteg lief dieser süße Schwule auf und ab, und jemand sagte: Ruf sofort bei Prada an, da brennt's. Ich bin fast vom Stuhl gefallen. Dann habe ich als Erstes Helmut Lang in New York geweckt, morgens um 6 Uhr."

Ein Ende mit Schrecken. Wer mit einer Sache aufhört, hat ein Problem. Wie geht es weiter? Das ruhige Leben pflegen auf dem Holsteiner Landgut, Narzissen setzen und Erbsen wachsen sehen? Kaum.