Da stehen sie nun, ihre wichtigsten Geschäftskundinnnen, Trudi Goetz aus Zürich, Joyce Ma aus Hongkong und natürlich Linda Dresner aus New York. Sie alle haben gut gelebt von Jil Sanders Mode in den vergangenen Jahren. Das soll vorbei sein? Sie halten ihren Arm, reden, halten sie mit Blicken fest, sie, die ihnen verloren gehen könnte. Die Sphinx lächelt. Dann sagt sie: "Wait and see. Es gibt immer ein Auf und Ab im Leben."

Abwarten. Und entscheiden. Wie die Dinge liegen, hat sie drei Möglichkeiten. Erstens: Zurück auf Feld 1. Sie nimmt ihr Geld und schlägt Bertelli einen Deal vor: Ich will die 75 Prozent des Unternehmens zurückkaufen.

Zweitens: Neues Spiel, neues Glück. Jil Sander tritt tatsächlich ab. Im Augenblick ihres Triumphs. Für immer eingegangen in den Olymp der Modegöttinnen, gemeinsam mit Coco Chanel und Elsa Schiaparelli. Um noch einmal ganz von vorn zu beginnen. "Wenn eine Tür zufällt, geht eine andere auf", auch diesen geheimnisvollen Satz hat sie in den vergangenen Wochen öfter fallen gelassen.

Möglichkeiten gäbe es gewiss. Eine Homecollection, eine Designakademie, eine edle Stiftung für Arts & Culture. Was es auch sei: ihren Namen darf sie dafür zwar nicht benutzen, da sei Prada vor. Solange sie es ist, die mit einem Engagement identifiziert wird, kann das kein Hindernis sein.

Und drittens, als letzte Option: "Die Koffer packen und nach Neuseeland gehen", so hat sie es neulich grimmig umrissen. Wer sie kennt, weiß: So weit wird es nicht kommen. Für Muße, Lebenslust und Genuss ist eine Dithmarscherin die falsche Besetzung.

Apropos Neuseeland: Patrizio Bertelli ist während der Schauen in Mailand nicht erreichbar. Fern in Auckland verfolgt er, wie sein Boot um den America's Cup kämpft. Bertelli hat weder am Material noch an der Mannschaft gespart und schon im Halbfinale die Konkurrenz aus den USA hinausgeworfen. Mailand fiebert mit ihm, selbst im Schaufenster des Caffè Cova segelt die Luna Rossa mit Esspapier-Takelage. Was nicht verhindert, dass das Kiwi-Boot nun schon zwei Punkte vor ihm liegt. Eine Nachricht, die das Team von Jil Sander möglicherweise erfreut zur Kenntnis genommen hat.

Ach, das Team. Viele Taschentücher sind geknüllt worden. Und doch, da ist auch Trotz. Beim Direktverkauf am vergangenen Samstag, draußen in Ellerhoop vor den Toren Hamburgs, rissen sich gestylte Damen die Kaschmirteilchen unter den lackierten Nagel, als ginge es um Internet-Aktien. Wird Mode wieder Mangelware? Eine Kundin: "Man weiß ja nie, wie lange man noch original Sander bekommt."