Im Vereinsheim des FC Herzogenaurach hängt ein Mannschaftsfoto, auf dem Lothar Matthäus als 13-Jähriger zu sehen ist. Die Buben tragen weiße Sporthosen von Puma und darüber Baumwolltrikots, die so verzogen sind, dass bei den Großen der Bauch herausschaut.

"Und? Kennen Sie ihn?", fragt von hinten der Vorsitzende des FC. Der Junge links unten mit den hohen Wangenknochen und der ausgeprägten Mundpartie: das ist er. Er hat seine Arme auf einen Ball gestützt und schaut geradeaus in die Kamera. Ist sein Blick präsenter, konzentrierter, grimmiger als der seiner Mitspieler? Ist es Zufall, dass er es ist, der den Ball hält? Konnte er die Finger nicht davon lassen, immer dribbelnd, immer am Ball, wie man sagt: ballverliebt. Gibt es etwas, das ihn von seinen Mannschaftskameraden unterschied, schon damals?

Also, ich sage jetzt mal : Überrascht hat es keinen.

Herzogenaurach, 22 000 Einwohner. Metallene Abfalleimer, nachträglich angebaute Pergolen, nachträglich eingesetzte Sprossenfenster, begrünte Verkehrsinseln, Mehrzweckhallen, Pizzarias. Im Stadtkern rettet ein bisschen Kopfsteinpflaster, ein bisschen Fachwerk das Ansehen. Jägerzäune begrenzen die Straßen, auf denen zur Mittagszeit überbunte Scout-Schulranzen nach Hause wackeln. Es gebe nur noch wenige Kinder, für die Lothar Matthäus ein Vorbild sei, sagt ein Religionslehrer, der einmal im Jahr die Lerneinheit "Stars - Idole - Vorbilder - Heilige" unterrichtet ("Was können wir vom Lebensmodell Matthäus lernen? Niemand kann der gleiche Matthäus sein, das ist mir ganz wichtig. Wir können höchstens gucken, wo sind seine Stärken, warum bedeutet er mir so viel? Möchte ich das vielleicht auch können: nicht aufzugeben, wenn alle schon am Boden liegen?").

So schön: Der Künstler als junger Mann

Nur die älteren Herziaurier , wie sie sich nennen, erinnern sich noch an den Matthäus als jungen Mann: Lothar, wie er den Ball von der Eckfahne direkt ins Tor gelenkt hat. Lothar, der Torschützenkönig, zehn Tore in einem Spiel. Der schon in der 5. Klasse einen Fallrückzieher, der im Sportunterricht jede Übung sofort konnte, der am Samstag in der ersten Mannschaft und am Sonntag in der A-Jugend spielte. Beide Mannschaften wurden in diesem Sommer Meister, und der gute Junge verließ seinen Verein, um in Gladbach Profi zu werden. Von da an ist seine Biografie öffentlich: Europameister, Weltmeister, zweimal Weltfußballer, Weltsportler, Rekordnationalspieler, Bild- Kolumnist, unentbehrlich bei der Europameisterschaft in diesem Sommer. Demnächst soll er in New York den amerikanischen Fußball retten.

Anfang der siebziger Jahre, von den Duschräumen irgendeines gottverlassenen fränkischen Dorfes aus beobachtet, bot das junge Talent ungefähr diesen Anblick: Unter der Dusche stand der junge Fred Peter, der ein Jahr älter war als Lothar und der beim konkurrierenden ASV spielte. Die beiden Herzogenauracher Jugendmannschaften hatten ein gemeinsames Auswärtsspiel gehabt, und von den Sanitäranlagen konnte man den Rasen einsehen. Was der elfjährige Fred Peter dort beobachtete, hat er in Erinnerung behalten wie eine romantische Begegnung: Auf dem Platz stand die erste Schülermannschaft des FC Herzogenaurach, und der zehnjährige Lothar Matthäus schoss die perfekteste Ecke, die er bis dahin gesehen hatte: "Mit dem Vollspann direkt auf den Elfmeterpunkt. Ich kannte ihn vom Sehen, aber da habe ich ihn das erste Mal richtig wahrgenommen. Ich war fasziniert, und danach sind wir zusammen mit dem Bus heimgefahren, und ich habe mir seinen Namen gemerkt, und seit damals kann man sagen: Der Lothar war zwar mein Konkurrent, aber von da an habe ich ihn vergöttert."

Lernen vom "Lebensmodell Matthäus": Erfolg ist eine fragile Sache, die genauso von Glück (sein erster Profitrainer war der nachwuchsfreundliche Jupp Heynckes) und schierem Willen (Ehrgeiz wird immer wieder als die herausragende Eigenschaft von L. M. beschrieben) abhängt. Die schlechte Nachricht: Selbst das größte Talent wird sich unter den falschen Umständen nie voll entfalten können und der Welt für immer verborgen bleiben. Der Junge, der besser war als der spätere Weltfußballer: Was wurde aus ihm?

Wenn man im Vereinsheim des FC Herzogenaurach sitzt - auf einer Anhöhe 30 Stufen über dem Stadt -, dann fällt früher oder später ein magisches Wort: fußballerisch . "Ich sag Ihnen was: der soundso. Der war fußballerisch ja sogar noch besser als der Lothar." Fußballerisch ist eines der wichtigesten Adjektive der Herzogenauracher Fußballmänner, und es bezeichnet die Fähigkeiten, die nur ein Fußballspieler hat und die ihn von solchen Sportlern wie Handballern oder Tischtennisspielern unterscheiden. Athletische und psychologische Faktoren - Größe, Schnelligkeit, Antritt, Ausdauer, Ehrgeiz, Selbstvertrauen -, die für den Erfolg entscheidend sind, werden von diesem Wort aussortiert, um die Essenz eines Fußballers freizulegen: die Fähigkeit, drei Spielzüge im Voraus zu ahnen, ein Lücke zu sehen, die es noch gar nicht gibt, den Ball in einem unnatürlichen Winkel zu schießen oder ihn besonders weich vom Fuß tropfen zu lassen.

Herzogenaurach, folgt man der örtlichen Folklore, war voll von kleinen Jungen, die fußballerisch besser waren als L. M. Die Stadt hatte eine krass überproportionale Rate junger Männer, die in einer der beiden Bundesligen oder in der höchsten Amateurliga Geld verdienten, was vielleicht mit dem Stellenwert zusammenhängt, den der F. in den siebziger Jahren in H. gehabt haben muss. Adidas und "die Buma" haben die Stadt lange vor M. berühmt gemacht. Die Firmen wurden von zwei Brüdern gegründet, die zunächst gemeinsam Sportschuhe hergestellt hatten, sich entzweiten, um nie mehr miteinander zu reden (wie es heißt).

Puma vs. Adidas: Eine schlammige Geschichte

Die Geschichte geht dann so authentisch und schlammverspritzt weiter, wie man es heute nur noch aus Werbespots von Nike kennt: In den sechziger Jahren begannen die Adi-Dasslers den ASV Herzogenaurach zu sponsern, während die Puma-Dasslers den FC unterstützten. In einer Zeit, in der Fußball in Deutschland noch eine ernste Sache war - ernst genug, um die Stimmung eines erwachsenen Mannes bis zum Sonntagabend zu ruinieren -, war Herzogenaurach vielleicht der fußballverrückteste Ort in Deutschland.

Fußball teilte die Stadt in zwei verfeindete Stämme: Adidas/ASV gegen Puma/FC. Es gab Zeiten, da wäre es für einen Puma-Mann undenkbar gewesen, mit einem T-Shirt von Adidas herumzulaufen. Und wenn man bei einer Tombola eines gewonnen hatte, trug man es höchstens im Bett. Es gab einen Adidas-Schulbus und einen Schulbus für die Buma-Kinder, und weil der örtliche Taxiunternehmer gleichzeitig Manager beim ASV war, konnte er Puma-Mitarbeiter als Fahrgäste vergessen. Fußball war die Sache, über die man seinen Job verlieren oder eine Lehrstelle bekommen konnte.

M., dessen Vater Hausmeister bei der Buma war, spielte natürlich beim Buma-Verein FC. Ein Wechsel zum ASV, dessen A-Jugend damals höher klassig spielte, wäre für ihn unmöglich gewesen, das "hätt er nicht machen können, da hätte sein Vater vielleicht seinen Job verloren", sagt Herbert Haas, der damalige ASV-Manager. Später meldete dann auch Bayern München (Adidas) Interesse an Lothar an, aber Haas konnte dem Manager Hoeneß kaum Hoffnungen machen: "Ich hab zum Uli gesagt: Sein Alter haut uns höchstens aus'm Haus." Es kann also gut sein, dass ein Junge, der in den siebziger Jahren in H. aufwuchs, den Eindruck bekommen hat, Fußball sei die wichtigste Sache der Welt. Und wenn er ehrgeizig war, dann träumte er davon, mit 18 zum besten, schönsten, größten aller Buma-Vereine zu wechseln: Borussia Möchengladbach, wo folgerichtig auch die Profikarriere des L. M. begann.

Das Fränkische ist eine harte Sprache, aber wenn die Rede auf Lothar Matthäus kommt, dann werden die Worte manchmal mehr gespuckt als gesprochen. Dienstagnachmittag treffen sich im Vereinsheim des FC die Rentner zu ihrem Stammtisch: Männer mit großporigen roten Nasen und wässrigen Augen, Experten, die beim Namen Lothar Matthäus schon mal böse werden. Weil er in einem Fernsehinterview als Heimatort das zehn Kilometer entfernte Erlangen angegeben hat. Weil er das Grußwort für das Heft zum 75. Jubiläum von seinem Stammverein nie gefaxt hat (es musste dann ein anderer für ihn schreiben). Zum selben Anlass: der versprochene Satz Trikots, auf das Geld warten sie noch heute. Dass er bei einem Besuch in H. seinen alten Jugendleiter nicht erkannt hat (der seitdem nicht mehr mit der Presse über M. redete, nicht mal Schlechtes). Und als die Nationalmannschaft einmal in Franken gespielt hat, waren es Andi Köpke und Thomas Häßler, die mit Berti Vogts seiner alten Hauptschule einen Besuch abgestattet haben. Und wer war nicht dabei? Und wer war aber dann zwei Tage später bei einem Bundeskanzlerfest?

Genau.

Der verrauchte Herbert Haas vom ASV Herzogenaurach - der Club, bei dem Matthäus nicht gespielt hat - ist eigentlich Taxiunternehmer, zehn "Daxis". In einem dieser Autos habe er den jungen M. auf seine letzten Strecke gebracht, bevor dieser am nächsten Tag seine Heimat für immer verließ: zu seiner damaligen Freundin und späteren Frau Sylvia, die 20 Kilometer weiter wohnte. Er rekapituliert, dass M. ihn während dieser Fahrt gefragt habe, ob er es schaffen würde. "Mensch, Lothar", beruhigte Herbert, "du beißt dich überall durch."

Er hätte zwar gedacht, technisch könnte L. sich vielleicht schwer tun, aber war dennoch überzeugt, dass er es schaffen würde, und "er hat's auch geschafft. Sechs oder acht Wochen später war er Stammspieler. Obwohl wir, rein vom fußballerischen Rüstzeug her, zur damaligen Zeit stärkere Spieler beim ASV gehabt haben, dass muss ich ganz ehrlich sagen. Aber die haben alle nicht die Physis und den Willen von dem gehabt, darum sind die alle im Verhältnis nicht das geworden." Er nennt einen gewissen Geier, Stammspieler in der Jugendnationalmannschaft, der beim ASV den Libero mit beckenbauerischer Eleganz gegeben habe, um dann später bei Schalke in der Versenkung zu verschwinden. Oder Günther Güttler, Mittelfeldstar des ASV, der mit M. in dieselbe Schulklasse ging und bis heute mit ihm befreundet ist, der immerhin in der ersten und zweiten Bundesliga eine solide Profilaufbahn hingekriegt hat. Aber neben seinem Freund sieht seine Karriere unbedeutender aus, als sie eigentlich war.

Günther Güttler. Wir treffen uns am nächsten Morgen im Frühstücksraum eines Hotels. Nach 15 Jahren als Profispieler - zunächst bei Bayern, für die er sogar einmal in einem UEFA-Cup-Finale spielte, später bei Nürnberg, Waldhof, Schalke - hat er in H. ein Haus gebaut, wo er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebt.

Er ist ein großer, durchtrainierter Mann mit vollen Lippen, dunklen Augen, über denen sein Augenlider hängen wie kleine Kapuzen, seidigem Haar. Wenn er damals bei Bayern nur ein bisschen besser gewesen wäre, kann man sich gut vorstellen, dass die Fans für ihn geschwärmt hätten statt für den langweiligen Rummenigge.

Um ihm gleich zu Beginn eine Freude zu machen, erwähne ich, dass es ja eine Menge Leute in H. gibt, die ihn für den talentierteren Fußballer halten, was Günther Güttler nicht so schmeichelhaft findet wie erwartet. "Ich bin jetzt seit zwei Jahren wieder in Herzogenaurach, und jedes Mal, wenn man irgendwo weggeht, wird man automatisch mit dem konfrontiert, und mich, Entschuldigung, wenn ich das jetzt sage, aber das kotzt mich wirklich an, weil, es stimmt ganz einfach nicht: Der Lothar hat sicherlich Tugenden, die kein anderer Spieler hat. Ich war vielleicht fußballerisch besser veranlagt als er, aber er hat das mit seinem unwahrscheinlichen Willen, seiner unwahrscheinlichen Diszipliniertheit ausgeglichen. Wobei ich sagen muss, dass sowieso nie der Spieler den Sprung ganz nach oben schafft, der unwahrscheinlich guten Fußball spielt. So ein Typ wie der Lothar Matthäus, der wird zum Weltfußballer, weil er das Ganze verbindet."

Günther Güttler: Am Ball eher besser?

Güttlers Frau besitzt einen Toto-Lotto-Laden in Nürnberg, und er selbst arbeitet in einer Werbeagentur, was gut zu ihm passt: G. ist ein gut angezogener (Boss), selbstsicher wirkender, eloquenter Mann, der es im Gegensatz zu M. sogar geschafft hat, diese karstigen fränkischen Silben zu einem weichen Akzent abzuschleifen. Man kann sich leicht vorstellen, wie er die mitreißendsten Adidas-Kampagnen entwirft, weil niemand so gut wie er versteht, wie fragil Talent ist und wie klein der Unterschied zwischen einen Raumausstatter und einem Weltmeister.

Doch so schön ist das Leben nicht. Die Werbeagentur, "das ist eine eigenständige GmbH, und wir sind dafür zuständig, Firmen mit Werbemitteln auszustatten, das heißt mit Baseballcaps, Sweatshirts, Shirts. Eben mit allem, was eine Firma als Werbematerial braucht. Das ist mein Aufgabengebiet", sagt er. Günther Güttler ist sicher kein unglücklicher Mann, aber er darf auch nicht nach New York ziehen, um dort dem amerikanischen Fußball neue Impulse zu verleihen: Am Ende der Karriere, lange nachdem einer die Fähigkeit verloren hat, einen Eckball direkt ins Tor zu biegen, so wie Lothar Matthäus das konnte und ein paar andere Jungs, die in den siebziger Jahren in Herzogenaurach Fußball gespielt haben und von denen manche vielleicht sogar besser waren als er, rein fußballerisch gesehen, wenn man das so sehen kann.