Seit 1968 wurden in Westdeutschland immer neue Jugendgenerationen ausgerufen, die sich durch ihren wachsenden Abstand zur Generation der Studentenrevolte definierten. Demnach soll die Jugend in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren immer weniger revolutionär, immer affirmativer - erst ironisch, dann wirklich -, immer diesseitiger, karrierebewusster, "angepasster" geworden sein. Das Sonderbare daran war, dass die Achtundsechziger mit ihrem großen Kollektiverlebnis der Maßstab blieben. Es begann mit Michael Rutschkys Essay Erfahrungshunger von 1980, einem Abgesang auf den alternativen Subjektivismus der siebziger Jahre, und ging gut zehn Jahre später weiter mit dem Buch Zaungäste von Reinhard Mohr (1992), das den Übergangsmoment von der Experimentierphase der "alternativen Lebensformen" zum postmodernen Wohlstandsindividualismus der achtziger Jahre festhielt, die Heimholung des kulturrevolutionären Milieus in die liberalisierte Gesellschaft der nachterroristischen Zeit.

Im Herbst 1999 trat weniger zum Abschluss des Jahrtausends als des Jahrzehnts eine Gruppe von Schriftstellern und Journalisten auf, um sich zu Sprechern der unter Willy Brandt geborenen Kinder zu machen, der heute Dreißig-jährigen. Tristesse Royale, so der Titel des Manifests der "Popliteraten" Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad-Barre und anderer, wollte die "gemeinsame Kultur" dieser Altersklasse nicht so sehr beschreiben als durch ein Geschmacksdiktat festlegen - "alles aussortieren, was falsch war". Das soeben erschienene Büchlein Generation Golf des Berliner Journalisten Florian Illies ist eine menschenfreundliche Volksausgabe dieses Unternehmens, eher deskriptiv als normativ, weit weniger zynisch und elitär. Tristesse Royale und Generation Golf systematisieren Lebensgefühle und Haltungen, die seit 1995 in zwei äußerst erfolgreichen Romanen unter die vorwiegend jungen Leser gebracht wurden, in Christian Krachts Faserland und Stuckrad-Barres Soloalbum. Der Erfolg dieser Bücher allein beweist schon, dass hier ein Nerv getroffen wurde. Die "Generation Berlin" war ein presseinternes, politisch motiviertes Wunschbild, extra entworfen für den Regierungsumzug; die "Generation Golf" ist eine soziologische und kulturelle Tatsache. In ihr erkennen sich viele der zeitgenössisch angeregten jungen Leute wieder.

Hier ist, wie sich unschwer erkennen lässt, der logisch diametrale Gegensatz zu den Achtundsechzigern erreicht. Und genau das ist eine der Pointen dieses Generationenentwurfs. Generationen, so glaubt das soziologische Schulwissen, seien Altersgruppen, die durch gemeinsame Erfahrungen, meist durch historische Wendepunkte, zusammengeschweißt werden und ein darauf bezogenes Lebensgefühl entwickeln. Diese Ereignisse können historisch-politisch sein wie der Kriegsausbruch 1914, die Flakhelferzeit am Ende des Zweiten Weltkriegs oder die Revolte von 1968. Es kann sich aber auch um ästhetische Ereignisse handeln wie das Erscheinen des Werther 1774 oder das Auftreten Stefan Georges und Hugo von Hofmannsthals in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Die mit diesen Literaturereignissen verbundenen Epochen verraten schon durch ihre Namen ihren Jugendcharakter: Sturm und Drang und Jugendstil.

Man muss so weitläufig an die Vorläufer der Popliteraten und -journalisten erinnern, um sich über die allerneueste dieser Generationen gehörig zu wundern. Denn inzwischen hat ein großes historisches Ereignis stattgefunden, das selbst 1968 in den Schatten stellt: der Fall der Mauer, der Zusammenbruch einer vierzigjährigen Weltordnung, das Ende einer das Jahrhundert dominierenden Geschichtsphilosophie, die Wiederherstellung des deutschen Nationalstaats, um nur die wichtigsten Bedeutungsdimensionen von 1989 zu nennen. Dass dieses Jahr ein Geschichtszeichen von kantischen Dimensionen darstellt, kann auch der empfinden, dem das Schicksal der deutschen Nation egal ist - der zum Beispiel, der von der Angsthysterie der Pershing-Zeit und den Massensuggestionen der Friedensbewegung so enerviert war, wie die Sprecher der "Generation Golf" es heute behaupten. Sie haben um 1989 Abitur gemacht - alt genug, um das Ende der bleiernen Schlussphase des Kalten Kriegs wenigstens empfinden zu können. Noch 1992 erwartete der zehn Jahre ältere Reinhard Mohr melancholisch, die Jüngeren hätten es leichter, zu einem eigenen Generationen-Standing zu kommen, sei doch inzwischen im Jahre 1989 das große konstitutive Ereignis eingetreten.

Doch der Fall der Mauer war für diese Nachgekommenen ein Medienereignis wie alles andere in ihrem Leben auch. "Es war weltweit die Schlagzeile Nummer eins und damit auch in der für mich relevanten virtuellen Welt interessant", erklärt einer von ihnen. Wir haben es bei der "Generation Golf" mit einem monströsen kultursoziologischen Sonderfall zu tun: einer Jugend, die fast ausschließlich von und in dem für sie bestimmten Segment der Konsumkultur sozialisiert wurde, vom Fernsehen, von Popmusik, von Klamotten und Markenprodukten. Eltern, Bücher, Politik, Geschichte, Theorie, Schule und Universität - all das kommt nur ganz schattenhaft und am Rande vor, in ein paar abschätzigen Gesten, mit denen "Gemeinschaftskundelehrer", ältere Brüder und das ungewaschene Studentenleben auf den Müllhaufen des ästhetisch Inakzeptablen geworfen werden.

Der offen unpolitische Ästhetizismus dieser Generationenimagination erinnert von fern an Motive bei Baudelaire und Oscar Wilde, an den ästhetischen Ekel vor einer vulgären bürgerlichen Öffentlichkeit, an die Utopie einer von Schönheit und den Gemeinschaftsgefühlen der inner circles bestimmten Lebensform. Nun ist es ein ehernes Gesetz der bürgerlichen Lebensform, dass das Ästhetische in dem Maße in den Vordergrund rückt, in dem das Politische zurücktritt. Doch darüber hinaus ist der Jugendstil des Jahres 2000 eine ganz logische Antwort auf die durch Medien, Konsum und Musik vollkommen künstlich gewordene Außenseite der Wohlstandsgesellschaft, deren Dinge und Produkte zu immer feiner justierten sozialen Signalen wurden. Alles ist Botschaft in dieser Welt, nichts dient allein dem Gebrauch. So wird hier auch alles immateriell, und wenn ein ganzes Weltreich zusammenbricht. Interessant ist, dass diese Immaterialität sich in einer vollkommenen Äußerlichkeit - das ist der Sinn des Pop in diesen Zusammenhängen - manifestiert. Es ist in einer solchen Welt ganz konsequent, die Entscheidung zwischen einer blauen und einer grünen Barbour-Jacke für schwieriger zu erklären als die zwischen CDU und SPD und Demonstrationen danach zu bewerten, ob die mitmarschierenden Frauen schicke Spaghettiträger anhaben. Der Kauf bestimmter Kleidungsstücke sei, so sagt Illies mit ganz naivem Ernst, wie früher die Lektüre eines bestimmten Schriftstellers, "eine Form der Weltanschauung geworden".

Der Ästhetizismus der Popliteraten - als Autoren, Redakteure, Gagschreiber sind sie alle Angestellte der Medienbranche - ist das Produkt eines Bildungsromans, den sie als Verfeinerungsprozess schildern, als Kampf um den definitiven Stil im Chaos der Moden und Produkte, einen Stil, der sich freilich immer nur momentweise fixieren lässt, weil er sich vom Massengeschmack abheben muss. Sowie aber die Masse das entdeckt hat, was die elitären Konsumavantgardisten für sich propagiert haben, ist es für sie schon out. Wer in der Massenkultur das Erlesene und Individuelle sucht, muss immerfort wegrennen: fliehen vor der Woge des Trends, in dem das von allen ergriffen wird, was zuvor Insidertipp war.