Ein junger Mann stürmt die Treppe hinauf. Oben, am Bahnsteig, fährt gerade der S-Bahn-Zug ein - sein S-Bahn-Zug. Er stößt in seiner Eile zunächst eine Mutter, mit zwei Kindern an der Hand, beiseite. "'tschuldigung", stößt er gehetzt hervor, während er schon vorhersehen kann, dass er als Nächsten einen älteren Herrn rempeln werde - "'tschuldigung" -, um sodann ein junges Pärchen auseinander zu treiben - "'tschuldigung". Ob er seinen Zug schließlich noch erreicht hat?

Dieser alltägliche Vorgang zeigt in aller Verdichtung, was wir derzeit bis in die höchste Politik erleben können: die Säkularisierung und Trivialisierung von Schuld und Versagen. Dieser junge Mann, der da die Bahnhofstreppe (oder war's die Karriereleiter?) nach oben stürmt - er hat natürlich nicht einmal die Zeit, wenigstens das Wort "Entschuldigung" vollständig auszusprechen. Ja, es verschwimmt überdies seine Funktion: War er mit dieser eher wie eine Order klingenden Vokabel um Pardon bei der soeben gerempelten Person eingekommen - oder handelte es sich in Wirklichkeit bereits um einen Warnruf an das nächste Opfer, um den Befehl zum zügigen Ausweichen?

Dieser ganz gewöhnliche Sprachgebrauch stellt die vollendete Verdrehung von Sachverhalt und Sinn dar. Selbst der grammatisch vollständige Satz: "Ich entschuldige mich für ..." ist semantisch immer noch vollkommen falsch. Worum geht es also wirklich? Jemand tut etwas Falsches. Aber nicht nur etwas, was gegen generell akzeptierte Normen verstößt (heute sagt man in der Politik und als jemand, der diese Gesetze in seinem Kanzleramt selber unterzeichnet hat, gerne: "gegen formale Vorschriften"), sondern die Tat beschädigt zugleich Würde, Recht und Gefühl einer konkreten Person. Man hat also nicht nur gegen Regeln verstoßen, sondern zugleich einen Mitmenschen verletzt. Man hat sich schuldig gemacht.

Mit etwas weniger Gedankenlosigkeit würde man also diesen Mitmenschen folgendermaßen ansprechen: "Ich bitte Sie um Entschuldigung." In diesem Satz liegen folgende Feststellungen gleichermaßen und gleichzeitig beschlossen: Ich habe, erstens, einen Verstoß gegen Takt und Norm begangen. Zweitens sind gerade Sie Opfer meines regelwidrigen Verhaltens geworden. Und drittens anerkenne ich hiermit, dass ich diesen Schaden nicht selber ausgleichen kann, sondern dass dies nur Ihnen zusteht. Und viertens versuche ich dadurch, dass ich Ihnen dies mit Einsicht und Bedauern offenbare, mich damit zum Bittsteller mache, auch Ihre verletzte Würde als Opfer wieder herzustellen. (Eine ganz andere Frage in diesem ritualisierten Sprachspiel ist die, ob das solchermaßen angesprochene Opfer tatsächlich über die volle Souveränität verfügt, eine wirklich ernst gemeinte Bitte um Pardon zurückzuweisen nicht im Falle der Verweigerung ein neuer Vorgang der Ver-Schuldung eingeleitet wird. Mit anderen Worten: Wo kommen wir Menschen hin, wenn zwischen uns herrenlose - oder: unbeherrschte - Schuld herumlungert?)

Wie auch immer wir das vollständige Sprachspiel entziffern, so geschieht - wenn es gelingt - in ihm Folgendes: Schuld wird vom Täter erkannt, zwischen Täter und Opfer anerkannt und damit offen gelegt. Die Situation wird also genau dadurch bereinigt, dass sie nicht beschönigt wird.

Davon sind wir in der Parteispendenaffäre weit entfernt. Aber merkwürdigerweise meldet sich die persönliche Schuld der Beteiligten wider Willen doch sichtbar an - wegen des Versuchs der Verdrängung freilich schuldverstärkend.

Helmut Kohls Schuldbewusstsein zeigt sich unbewusst darin, dass er sagt, er könne die verletzte Rechtspflicht zur Offenbarung der geheimen Spender nur noch durch den Bruch eines Ehrenwortes überbieten. Wir könnten dies die absichtswidrige Dramatisierung der ursprünglichen Schuld nennen. Sie widerspricht merkwürdig der auf der offiziellen Ebene stattfindenden Bagatellisierung des Regelverstoßes: Es habe sich doch nur um die Verletzung formaler Vorschriften gehandelt ...