Bisherige Versuche, im Fußball Wissenschaftliches zu orten, waren von unterschiedlicher Stringenz. Theologisch-geometrisch der Ansatz von Buchautor Dirk Schümer: "Gott ist rund." Psychologisch-selbstkritisch Ex-Keeper Toni Schumacher: "Ich bin ein Tor." Dadaistisch-philosophisch Trainer Giovanni Trapattoni: "Fußball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding." Spieler Ingo Anderbrügge versuchte sich einem Einzelaspekt rechnend zu nähern: "Das Tor gehört zu 70 Prozent mir und zu 40 Prozent dem Wilmots."

Erkenntnisse, die die Menschheit wirklich voranbringen, liefern in diesen Tagen zwei Universitätsinstitute für Bewegungswissenschaften. Der Sportpsychologe Bernd Strauß (Münster) hat ergründet, ob Geklatsche, Grölen und "La Ola" die Heimmannschaft tatsächlich in den Sieg treiben. Nach Begutachtung von 10 000 Bundesligaspielen zwischen 1963 und 1995 weiß der Professor: nein. In seiner Habilitationsschrift Wenn Fans ihre Mannschaft zur Niederlage klatschen entlarvt Strauß die Tribünenweisheit vom Siegfaktor Zuschauer als Mythos. Der Heimvorteil kehrt sich bei vollem Stadion ins Gegenteil: "Je wichtiger das Spiel, desto größer die Wahrscheinlichkeit des Versagens des eigentlichen Favoriten." Schuld daran ist, was der Fachjargon unter choking under pressure zusammenfasst, zum Beispiel "die Erwartung negativer Konsequenzen bei Versagen". Eine bittere Erkenntnis für Fans. Da müssen wir durch.

Viel zu lange haben Forscher ruhige Kugeln schieben dürfen, in Lapidarbereichen wie Quantenphysik und Molekularmedizin. Nun stürmen sie endlich in Disziplinen, in denen das Leben wirklich tobt. Doch die Gesetze des Rasens sind allemal komplexer als das Geschehen im Teilchenbeschleuniger oder Reagenzglas. Was ist schon die Heisenbergsche Unschärferelation gegen die Unergründlichkeit eines Spielzugs wie "Flanke-Bierhoff-Tor"? Beim Balltreten kommt der Mensch schließlich bis an seine Grenzen, nein, er muss darüber hinaus. Niemand hat das schmerzlicher erfahren als Exbundestrainer Berti Vogts: "Wenn ich übers Wasser laufe, dann sagen meine Kritiker, nicht mal schwimmen kann er." Beim Forschen ist's genauso: Fußball ist nichts für Weicheier.