Als Gerhard Schröder am Mittwoch vergangener Woche von seinen großen Plänen für die Software-Branche berichtete, stieß er im Kabinett nur auf mäßigen Protest. Gegen den Plan, Tausenden von angeblich verzweifelt gesuchten Informatikern und Ingenieuren Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen zu erteilen, hatte keiner der versammelten Minister grundsätzlich etwas einzuwenden. Dann wagte sich doch noch Innenminister Otto Schily vor: Der Begriff der green card, wandte er ein, sei nicht geeignet - schließlich gehe es anders als in den USA nicht um eine echte Einwanderung. Doch Schröder wehrte ab. Für seinen Plan wollte er ein simples Etikett.

Auch Arbeitsminister Walter Riester trug Bedenken vor: Die von Schröder genannten Zahlen seien womöglich nicht richtig. 75 000 unbesetzte Stellen hatte Bildungsministerin Edelgard Bulmahn in ihrem Technologiebericht erwähnt. Ob das ein Fakt sei oder eine Lobbyistenquote, so Riester, "weiß keiner von uns ganz genau".

Der Arbeitsmarkt der Software-Branche entwickle sich "in einem völlig eigenen Beziehungsgeflecht, das sich zu mindestens zwei Dritteln den Statistiken der Arbeitsämter entzieht", so Riester. "Was da über Internet-Kontakte oder Mund-zu-Mund-Propaganda läuft, vermag ich nicht zu sagen."

Das ist ein Eingeständnis ziemlich grundsätzlicher Natur. Schließlich muss Riester ständig Sozialreformen planen, Verbote erteilen und milliardenschwere Fördergelder verteilen. Um das tun zu können, müsste er wissen, wie die Deutschen arbeiten. Nun offenbart sich erneut, was die rot-grüne Koalition schon beim Streit um 630-Mark-Jobs und beim Gerangel um Scheinselbstständige unter Beweis stellte: Genau das weiß er nicht.

Hinzu kommt ein zweites Problem, das Riester genauso viel Sorgen macht wie seinem Kabinettskollegen Otto Schily: Beide fürchten eine neue Grundsatzdebatte darüber, welche Ausländer zu welchen Bedingungen in Deutschland arbeiten dürfen. Diese Befürchtung allerdings teilt ihre Kabinettskollegin Bulmahn nicht. "Es gibt keinen anderen Bereich, in dem es einen derartig großen Mangel an Spitzenfachkäften gibt", so die Ministerin - und das nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten Europäischen Union.

Tatsächlich bietet die Branche den durch jahrelange Massenarbeitslosigkeit verängstigten Deutschen ein gänzlich ungewohntes Bild: Arbeitskräfte, nicht Arbeitsplätze sind dort ein knappes Gut. Auch wenn über genaue Zahlen Unklarheit herrscht - die Schätzungen reichen von weniger als 50 000 bis zu 100 000 vakanten Stellen -, ist eines jedenfalls unstrittig: Der Bedarf an hoch qualifizierten Fachkräften wächst rasant.

Die Anwerbung dringend benötigter Experten von außerhalb der EU scheitere aber häufig, so klagen die Firmen, am starren deutschen Arbeitserlaubnisrecht. Danach ist es zwar prinzipiell möglich, auch Mitarbeiter, die nicht Deutsche oder EU-Staatsangehörige sind, anzuheuern. Doch zunächst müssen die Unternehmen nachweisen, dass weder ein Deutscher noch ein EU-Ausländer für die Stelle zur Verfügung steht. Und das ist vielen Managern der schnelllebigen neuen Industrie zu umständlich und zu bürokratisch.