Stille Verzweiflung bemächtigt sich der Grünen. Die Hoffnung, der CDU-Spendenskandal werde eigene Probleme lösen helfen, erwies sich als trügerisch. Das Gegenteil traf ein: Die Probleme vertieften sich, neue kamen hinzu. Wie labil die grüne Seelenlage ist, reflektiert die instinktsichere Sanftmut des Kanzlers: Einem "Partner, der sich gut benommen hat", wolle er keine Knüppel zwischen die Beine werfen. So väterlich redet man nur über Schutzbefohlene.

Die Grünen ahnen, dass ihnen der Machterhalt in Schleswig-Holstein nicht mehr gewährt als eine kurze Verschnaufpause auf dem Weg nach unten. Kaum einer behauptet, der Wiedereinzug in Landtag und Regierung sei überzeugender Politik zu verdanken. Erst das eigens geänderte Wahlgesetz verschaffte die rettenden Zweitstimmen von SPD-Wählern. Ohne diesen Trick wären die schleswig-holsteinischen Grünen heute wieder außerparlamentarische Opposition.

Keine Partei hat sich derart gehäutet wie die Grünen: von der systemkritischen Bewegung über die parlamentarische Opposition bis zur artigen Regierungspartei. Zusammenhalt über all die Jahre schaffte das Vertrauen, jedenfalls die Hoffnung, dass allen Metamorphosen zum Trotz so etwas wie ein grüner Kern zu retten sei: jener unpolitische, eher moralische Gründungsimpuls, dem Verwerflichen das Gute entgegenzustellen, dem Abgezockten das Selbstlose, dem Eingefahrenen das Mutige.

Die Spenden- und Filzaffären, die die Parteien vor ihre bisher schwerste Prüfung stellen, machen nun schlagartig deutlich, dass auch dieser grüne Kern ausgehöhlt ist: Durch nichts fühlten sich die ehemaligen "Alternativen" ermuntert, grundsätzlich und im besten Sinne radikal Stellung zu nehmen - zum Selbstverständnis der Parteien, zu ihrer Machtversessenheit, ihrer Überdehnung.

Still blieben sie, unsichtbar. In Düsseldorf wanden sie sich zwischen Aufklärungsgestus und Loyalität gegenüber dem affärengeschüttelten Koalitionspartner, in Berlin antizipierten sie die Interessen der Sozialdemokratie: Grüne Vorschläge zur Machtbeschneidung wären von einer Partei, die nach 16 Jahren endlich wieder Einfluss und Posten zu verteilen hat, kaum gebilligt worden. Und selbst wenn sie sich aus dem Nichts einen Ruck gegeben hätten - hätte man den Grünen die Pose der Selbstbeschränkung abgekauft? Erst kürzlich spottete Friedrich Merz, der neue CDU/CSU-Fraktionschef, in einer Talkshow, keine Partei klammere sich so an die Auspuffrohre ihrer Dienstwagen wie die Grünen.

Sie haben sich zu weit von ihren Quellen entfernt, um daraus noch Wasser schöpfen zu können. Zugleich misstrauen die Bürger dem neuen grünen Brunnen. Das liberal-konservative Bürgertum, das sich angewidert von Kohls Kofferwirtschaft abwendet, sucht eben keine Zuflucht bei einer Partei, die Jahre brauchte, um das Gewaltmonopol des Staates zu akzeptieren. Lieber wendet es sich der FDP zu und zeigt damit, wie wenig Widerhall auf Dauer der grüne Anspruch gefunden hat, die Liberalen als "Bürgerrechts- und Rechtsstaatspartei" zu beerben.

Ein bisschen wirkt es, als hätten sich die Grünen auf ihrem langen Lauf zu neuen Ufern selbst überflüssig gemacht; man kann die "neue grüne Politik" nicht richtig fassen. Die antikollektive, eher subsidiär inspirierte Sozialpolitik, mit der Andrea Fischer antrat, ist in einer fast klassisch sozialdemokratischen Gesundheitsreform begraben worden. Die moderne Umweltpolitik, die Ökologie und Ökonomie versöhnen sollte, verödet im zähen Ringen mit den Energieversorgern um den Atomkonsens. Und selbst die grüne Außenpolitik, die bei aller versprochenen Kontinuität "Akzentverschiebungen" in Aussicht stellte, verirrt sich seit einigen Monaten in Widersprüchen und enttäuschten Erwartungen zwischen Wien, Grosnyj und Ankara.