Emotional und feindselig reagieren Europäer und Amerikaner auf die Regierungsbeteiligung der extremen Rechten Österreichs. Das erinnert an jene Frage, die schon durch die Intervention der Nato im Kosovo laut wurde: Gehen wir mit den falschen Mitteln in die richtige Richtung?

Die Richtung zumindest stimmt. Doch Haider ist kein Hitler, nicht einmal ein kleiner. Die zahllosen Karikaturen, die auf die Analogie zwischen den beiden Männern hinweisen, sind eine Beleidigung der Opfer des Nazismus wie auch der heutigen Österreicher. Nicht um die Gespenster aus der Vergangenheit Europas geht es, sondern um dessen Zukunft. Haider steht weniger für ein Aufleben der dunkelsten Instinkte der europäischen Vergangenheit in einem Land, das sich ungenügend von seiner Nazivergangenheit "gereinigt" hat. Vielmehr ist er eine potenzielle Präfiguration unserer Zukunft, sofern der demokratische Prozess in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ein Hohn seiner selbst werden sollte - so, wie es in Österreich "vor Haider" der Fall war, wo die zwei politischen Dinosaurier ÖVP und SPÖ jahrzehntelang selbstherrlich die Macht zwischen sich aufteilten.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos vor einigen Wochen beteiligten sich Staatsmänner und Wirtschaftsführer an einem aufschlussreichen Austausch. Die Regierungschefs, denen das Scheitern des WTO-Gipfels in Seattle noch in den Knochen steckte, warteten mit einer neuen Formel auf: It's the society, stupid! Die aus der Globalisierung resultierende Ungleichverteilung des Reichtums sowie die mangelnde Transparenz der internationalen Organisationen würden zu einer Gefahr für das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg, die Gesellschaft müsse beruhigt werden. Hierfür baten die Regierungschefs die Wirtschaftsführer ihnen zu helfen.

Die Unternehmer hielten dagegen: It's politics, stupid! Sie standen weniger unter dem Eindruck von Seattle. Was sie erschreckte, war eher das furchterregende Gespenst Kohl, vielleicht auch das viel kleinere Gespenst Haider. "Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", sagten sie. "Es gibt wieder Wohlstand, die Arbeitslosigkeit ist gesunken, wir haben technische Innovationen durchgesetzt." Was täten demgegenüber die Politiker? Zwar hätten sie sich aus der Ökonomie zurückgezogen, das sei lobenswert. Andererseits mehrten sich die Korruptionsskandale, und niemand bringe der Politik noch Vertrauen und Achtung entgegen. Mindestens könnten die Unternehmer von den Politikern doch wohl erwarten, dass sie dieselben Qualitätskriterien anwendeten, wie sie es auf dem Gebiet der Wirtschaft täten.

In der Tat: Die Politik steckt in der Krise. Die Europäische Union hat auf die politische Zuspitzung in Österreich zu spät reagiert. Die Voraussage, dass die landestypische Verbindung von Selbstsucht und kleinlichem Provinzialismus, wenn nicht gar ausgesprochener Inkompetenz eine Gefahr für die Stabilität Österreichs innerhalb der Union bedeuten würde, war relativ einfach. Weil wir nicht schon frühzeitig diskreten, aber festen Druck ausgeübt haben, ächten wir nun geradezu ein ganzes Volk und verurteilen unterschiedslos alle Österreicher. Symbolische Sanktionen sind gut und schön (und andere stehen ja auch gar nicht zur Verfügung), vor allem aber müssen wir jetzt den Dialog mit jener Mehrheit der Österreicher verstärken, die sich von dem, was in ihrem Land geschehen ist, gedemütigt fühlen und die wissen, dass ihre Zukunft in einem demokratischen, offenen und toleranten Europa liegt.

Wir müssen dafür sorgen, dass man sich in Österreich an Haider bald nur noch als ein "Detail" der Geschichte erinnert - ähnlich wie zuvor in Frankreich an Le Pen. Doch dazu müssen wir die richtige Kombination aus entschlossener, einmütiger Festigkeit und offenem, kritischem Dialog mit den Österreichern finden. Bei diesem Vorhaben wird die bürgerliche Gesellschaft in den europäischen Staaten von größerer Bedeutung sein denn je.

Aus dem Französischen von Eike Schönfeld