Geheimniskrämerei gehört im Automobilgewerbe zum Tagesgeschäft. Eifersüchtig hüten die Firmen etwa ihre "Erlkönige" und schicken sie nur verkleidet auf Testfahrt durch die skandinavische Tundra. Beim jüngsten Gemeinschaftsprojekt dreier Konzerne indes übersteigt die Geheimhaltung sogar das in dieser Branche übliche Maß. Der Grund: Diesmal wollen die Autofirmen auf fremdem Terrain wildern - im Revier der großen Telekommunikationskonzerne.

Das Geheimprojekt hört auf den Kodenamen Moteran und soll einmal eine Alternative zu den heutigen Mobilfunknetzen darstellen. Dahinter stecken Mitsubishi, Toyota und VW. Die Autofirmen wollen die nächste Generation ihrer Fahrzeuge zu mobilen Funkstationen machen, die sich drahtlos über ein eigenes Netz miteinander unterhalten. In jedem Fahrzeug ist dann ein Gerät montiert, das nicht nur senden und empfangen kann wie ein gewöhnliches Mobiltelefon, sondern auch als Relaisstation dient. Das bedeutet: Die Funkzentrale und die Antennen, Landschaftsschützern und Elektrosmoggegnern schon jetzt ein Dorn im Auge, werden überflüssig. Die vierrädrigen Relais bilden ein Netz, das sämtliche Vermittlungsaufgaben autonom erledigt. Dezentrale mobile Systeme nennen das die Fachleute.

Hinter dieser Geheimbündelei steckt die Suche nach neuen Wegen, so genannte telematische Daten zu übertragen. Denn das Auto der Zukunft soll ständig mit einer Verkehrsleitzentrale in Verbindung stehen, seine Position und seine Fahrdaten durchgeben und dafür im Gegenzug Informationen über Staus und mögliche Alternativrouten bekommen. Zurzeit geht das nur über die großen Mobilfunkbetreiber - und das kostet Gebühren. Der Aufbau eigener Netze mit zentraler Infrastruktur wäre zu teuer. Was Moteran zum heißen Eisen macht, ist die Tatsache, dass man damit nicht nur Verkehrsdaten übermitteln, sondern - quasi als Abfallprodukt - auch telefonieren kann. Zum Nulltarif.

Wie Recherchen der Schweizer SonntagsZeitung ergaben, ist Moteran schon weit fortgeschritten. Mehrere Patentschriften sichern die benötigte Technik ab. So beschreibt der deutsche Physiker Jörg Arnold in einer Schutzschrift - registriert am 12. August 1999 von der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) unter der Nummer WO 99/40694 - im Detail den Aufbau des dezentralen Mobilfunknetzes. Ein weiteres Patent von Arnold (WO 98/13953) enthält den Bauplan für die entsprechenden Mobiltelefone. Pikant: Die Patentrechte gehören nicht Arnold selber oder seiner Berner Firma TTH, sondern der Düsseldorfer Handelsgesellschaft Mitsubishi International, einer 100-prozentigen Tochter der Mitsubishi Corporation.

Im Umfeld von Moteran findet sich auch Prominenz: Der deutsche Nobelpreisträger Gerd Binnig skizziert in seinem Patent WO 99/26212 ein System, bei dem sich Autos gegenseitig über Funk die aktuelle Verkehrssituation melden. Binnig ist Teilhaber an der Firma Delphi 2 Creative Technologies in München, und die gehört ebenfalls zu den Entwicklungspartnern von Moteran.

Die neue Technik wird das mobile Telefonieren radikal verändern: In Zukunft sollen Gespräche und Daten buchstäblich von Gerät zu Gerät hüpfen, bis sie beim Empfänger ankommen. Signalgeber ermitteln dabei die Position der Teilnehmer: Sie senden Kennungen aus, die alle Geräte in ihrer Umgebung bestätigen und als digitalen Kettenbrief weiterleiten. So entsteht ein elektronisches Koordinatennetz, in dem jedes Gerät die relative Position seiner Nachbarn kennt. In Sekundenbruchteilen legen die Daten - über unzählige Relaisstationen - große Distanzen zurück.

Damit das Ganze funktioniert, muss nur das Netz der ständig eingeschalteten Geräte dicht genug sein. In Ballungsgebieten wird, wenn sich Moteran erst einmal durchsetzt, an verbindungswilligen Partnern kein Mangel sein. Über ganz normale Telefonbuchsen, in die ein Moteran-Relais eingestöpselt wird, soll der Kontakt zu anderen Netzen hergestellt werden.