A llahu Akbar, Gott ist groß. Jahrzehntelang bemühten sich die christlichen Kirchen in Berlin vergeblich, an den Schulen der Stadt Religion als vollgültiges Fach zu unterrichten. Doch nun gibt es wieder Hoffnung - ausgerechnet dank einer muslimischen Organisation, die obendrein auch noch vom Verfassungsschutz observiert wird. Am Mittwoch vergangener Woche bescheinigte das Bundesverwaltungsgericht der Islamischen Föderation Berlin (IFB), eine Religionsgemeinschaft zu sein. Damit ebnete das Gericht der IFB den Weg in die Schulen der Hauptstadt. Und es zwingt den Senat indirekt dazu, wider den Zeitgeist zu handeln: Während vielerorts Schulpolitiker und Pädagogen Front machen gegen den vermeintlich unzeitgemäßen Einfluss der Kirchen im Schulunterricht und ihn durch überkonfessionelle Ethikstunden ersetzen möchten, muss der Berliner Senat nun den umgekehrten Weg gehen. Er muss den Religionsunterricht aller Konfessionen als reguläres Schulfach mit Noten und geprüften Lehrern einführen. Nur so lässt sich verhindern, dass Islamkunde künftig unkontrolliert und fern jeglicher Schulaufsicht in Berlins Schulen Einzug hält. Denn anders als in den meisten Bundesländern, wo Religion ein ordentliches Unterrichtsfach ist, liegt die Organisation des Unterrichts in Berlin bislang ganz bei den Religionsgemeinschaften selbst. Sie allein stellen das Curriculum zusammen und bestimmen nach eigenem Gutdünken, welche Lehrer in welchem Geist unterrichten.

Wie aber kann ein solcher staatlicher Islamunterricht überhaupt aussehen, und wer soll ihn lehren? Nun rächen sich Desinteresse und Ignoranz bundesdeutscher Schulpolitik, in Berlin wie anderswo. Denn auch 40 Jahre nachdem die ersten türkischen Einwanderer nach Almanya gekommen sind, fühlt sich der Staat für die Kinder des Koran nicht zuständig. Es gibt katholischen und evangelischen Religionsunterricht; Kinder von orthodoxen, jüdischen oder adventistischen Eltern lernen in der Schule die Grundsätze ihres Glaubens. Nur die rund 500 000 Muslime im schulpflichtigen Alter erfahren in kaum einer Schule etwas über ihre Religion, schon gar nicht im Rahmen eines ordentlichen Lehrfaches. Die Behörden übergeben sie der religiösen Obhut der türkischen Konsulate oder überlassen das Feld den islamischen Gemeinschaften und ihren privaten Korankursen.

Nordrhein-Westfalen hat zumindest einen Schritt in die richtige Richtung gewagt. Seit Ende vergangenen Jahres wird in einem Modellversuch an 29 Schulen islamische Religionskunde unterrichtet, in deutscher Sprache, von hierzulande ausgebildeten Lehrern. Allerdings organisiert das Land die Glaubenslehre ohne die muslimischen Organisationen, die gegen das Modell protestieren. "Was würden die Katholiken sagen, wenn sich der Staat mit ihnen etwas Ähnliches erlauben würde?", fragt Nadeem Elyas, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland, und verweist auf das deutsche Grundgesetz. Laut Verfassung nämlich gilt das Recht auf religiöse Unterweisung für alle Glaubensrichtungen - allerdings nur dann, wenn es sich um "Religionsgemeinschaften" handelt. Und die müssen in den Augen deutscher Behörden bis heute wie die christlichen Kirchen organisiert sein.

Genau daran sind die Muslime bislang gescheitert. Denn der Islam kennt keine Kirche. Er besitzt weder eine höchste Lehrautorität noch eine Bischofskonferenz oder eine Mitgliederschar, die monatlich Kirchensteuer entrichtet. Die deutschen Muslime sind zersplittert in viele Glaubensrichtungen, Schulen und Sekten. Zehn muslimische Dachorganisationen und zwei Spitzenverbände konkurrieren um die Gläubigen. Daneben gibt es die als liberal geltenden Alewiten, die von beiden Verbänden nicht einmal als Muslime anerkannt werden.

Diese Zerrissenheit ist die größte Hürde auf dem Weg zum Islamunterricht in der Schule - und immer noch der beste Vorwand der deutschen Behörden, untätig zu bleiben. Sie beharren weiterhin darauf, ihnen fehle es an einem anerkannten muslimischen Ansprechpartner. Schon vor Jahren hätten sich die Verantwortlichen in Berlin mit den islamischen Gruppen in Berlin an einen Tisch setzen sollen, um gemeinsam eine Lösung für den Religionsunterricht zu suchen, sagt Peter Heine, Islamwissenschaftler an der Humboldt-Universität. Nichts geschah. "Jetzt ist es fast zu spät."

Noch immer gibt es keinen Lehrstuhl für islamische Theologie

Doch selbst wenn die Unterrichtsfrage geklärt wäre - woher sollen geeignete Lehrer kommen? Auch im Bereich der akademischen Ausbildung ist nichts geschehen. Seit langem fordern Muslime wie deutsche Islamkenner einen Lehrstuhl für islamische Theologie. Modelle für den Zuschnitt eines Lehrstuhls liegen vor. Es gab Überlegungen für die Universität Bonn, Gespräche in Essen. Die Ideen scheiterten am mangelnden Geld - oder der heimlichen Angst, Studenten mit fundamentalistischen Ideen würden die Ersten sein, die sich in den neuen Studiengang einschreiben und damit auch hier wieder die Nase vorn haben.