Ausgerechnet aus Indien. Aus einem Land, in dem die Leprakranken auf der Straße sterben, und man manchmal kilometerweit fahren muss, um eine Steckdose zu finden. Aus diesem Land sollen auf einmal massenweise Computerexperten kommen. Kein Wunder, dass der bayerische Innenminister Günther Beckstein gegen Gerhard Schröders Idee einer Green Card protestierte. Aus Indien kamen bisher Asylbewerber.

Prabu Ekambaram suchte nicht Asyl, sondern gut bezahlte Arbeit, die seinen Fähigkeiten entsprach. Dass er sie in Deutschland fand, ist Zufall. Zuvor hatte der 25-Jährige in Hongkong gearbeitet, fünf Monate lang, bis die Firma kollabierte. Das war im September 1998, als plötzlich ein neues Wort die Wirtschaft dominierte: Asienkrise.

Prabu Ekambaram stellte sich dort als Experte für Software der Firma Oracle vor. Wenig später hatte er ein Angebot aus München. Es hätte auch New York sein können. "Ich arbeite, wo ich gebraucht werde", sagt er. Und wo er viel Geld verdienen kann. Ein neuer Typ Gastarbeiter, der sich in vielen Ecken der Welt zu Hause fühlt. Und überall zu den Besserverdienenden gehört. Im Westen kommt einer wie Prabu Ekambaram auf über 100 000 Mark im Jahr. In Indien gehörte er schon mit 15 000 Mark zu den Reichen.

Ausgerechnet Indien. Seit Jahrzehnten begründen die deutschen Tarifparteien die hohen Löhne damit, dass deutsche Arbeitnehmer besonders gut qualifiziert seien. Nun sollen indische Fachleute plötzlich besser sein als Tausende arbeitslose EDV-Fachleute und Ingenieure, die kein IT-Unternehmen einstellen will. Wer sich darüber wundert, hört immer wieder einen Namen: Bangalore.

Bangalore ist eine Stadt in Südindien. Mitte der Achtziger hatte sie zweieinhalb Millionen Einwohner und wenig Industrie. Heute ist Bangalore eine Wirtschaftsmetropole mit fünf Millionen Menschen. Firmen wie Microsoft eröffneten Filialen in Bangalore, weil die Programmierer dort wenig kosteten. Technologiezentren schossen aus dem Boden. "Inzwischen ist Bangalore schon wieder out", sagt Ekambaram. Die neuen Boomtowns seien Madras und Hyderabad. Dort arbeiten Tausende an der Software von morgen.

Prabu Ekambaram runzelt die Stirn, wenn man ihn auf die Aufregung anspricht, die Schröders Initiative erzeugte. Ob er in Indien für deutsche Firmen Software entwickle oder in Deutschland - wo sei der Unterschied? Deutschen Fachleuten die Arbeit wegnehmen? "Marktwirtschaft bedeutet doch Wettbewerb."

Für Unternehmen bedeutet Marktwirtschaft den möglichst gewinnbringenden Einsatz von Arbeitskräften. Die arbeitslosen deutschen EDV-Fachleute halten viele Unternehmen offenbar für verlustbringend. "Die wirklich fitten Leute finden wir nicht über das Arbeitsamt", sagt Gitte Knöpfle vom Multimedia-Unternehmen Kabel New Media.