Albuquerque. Vor Joey's Route-66-Café dehnen sich die Betonplatten der berühmten Straße in der Morgensonne. Noch benebelt vom Jet-Lag, stochere ich in einem Haufen Kartoffelstreifen mit Zwiebeln und Soße. Das also sind die berühmten hash browns, ohne die im Südwesten kein Mann sein Pferd besteigt. "Four Corners Manhunt - Fugitives Elude Searchers" plärrt eine Schlagzeile des Albuquerque Journal. Fotos zeigen bewaffnete Polizisten an Straßensperren. Ein Deputy, dem eine Kugel der Gangster noch im Kopf steckt, gibt Interviews. Die knapp 300 Bewohner von Bluff in Utah sind evakuiert worden. Im Four-Corners-Gebiet werden drei Männer gejagt, die einen Polizisten getötet und mehrere Menschen angeschossen haben. Es dauert eine Weile, bis ich begreife, dass ich an diesem Morgen exakt in der amerikanischen Realität gelandet bin, die es eigentlich nur in Filmen gibt. Und in den Kriminalromanen Tony Hillermans.

Eine Menschenjagd dieser Dimension haben Jim Chee und Lieutenant Leaphorn allerdings nie erlebt. Die beiden Officers der Navajo Tribal Police haben sich mit verschwundenen Leichen, nächtlich durch die Luft reitenden Skinwalkers und Entführungen, mit Massenmördern und Wahnsinnigen herumgeschlagen. Militärische Großeinsätze sind nicht ihre polizeilichen Mittel, sie gehen subtiler vor und sind immer erfolgreich. Ihr Intellekt ist geschult an den Lügen zweier Kulturen. Jim Chee und Joe Leaphorn sind die Romanhelden Tony Hillermans.

Geografisches Zentrum von Hillermans Erzählungen ist das seit 1868 durch Verträge mit der amerikanischen Bundesregierung geschützte Reservationsgebiet der Navajos, die sich seit 1988 "Nation" nennen. Es ist mit rund 65 000 Quadratkilometern etwas kleiner als Bayern und wird von rund 170 000 Menschen bewohnt, Bayern von 12 Millionen. Touristen verweilen nur kurz in dem riesigen Gebiet, das wegen des Zusammentreffens der vier Bundesstaaten New Mexico, Arizona, Colorado und Utah auch Four-Corners-Region genannt wird. Nur in der Hauptstadt Window Rock und bei den Nationalparks gibt es einigermaßen komfortable Unterkünfte. Ins Reservat stoßen Weiße nur aus beruflichen Gründen vor: Archäologen, Angestellte des Gesundheitsdienstes, Missionare, Gangster. Wer sich zurechtfinden will, ist auf die Ratschläge der - meist recht schweigsamen - Einwohner angewiesen - oder auf die Romane Hillermans. Denn sie spielen fast immer an exakt verifizierbaren Orten und geben mit ihren feinen Beobachtungen exzellent Auskunft über Mythologie und Denkweise der Indianer.

Gleich hinter Window Rock beginnt die Dritte Welt

Window Rock. Von Gallup her führt eine vierspurig ausgebaute Straße exakt bis an die Reservatsgrenze, dahinter beginnt in der Navajo-Hauptstadt Window Rock die Dritte Welt. Unterhalb des Felsens mit dem runden Sandsteinfenster, der dem Ort den Namen gab, sind gemäß der spirituellen Tradition die wichtigsten Institutionen angesiedelt. Im Veteranenpark erinnern bajonettähnliche Skulpturen an die Navajo-Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Besonders stolz ist die Nation auf ihre Code-Talkers, Nachrichtenübermittler, die den Funkverkehr im Krieg gegen Japan übernahmen, weil niemand ihre unglaublich komplizierte Sprache entschlüsseln konnte. Regiert werden die Navajos von einem 88-köpfigen Stammesrat, der viermal im Jahr in den Navajo Nation Council Chambers zusammentritt und ausschließlich in Navajo verhandelt.

In der Architektur des Versammlungsgebäudes und des nahe gelegenen Navajo Nation Museum sind überlieferte Muster des Holzbaus mit modernen Strukturen raffiniert gemischt. Die Grundrisse sind dem Hogan, dem sechs- oder achteckigen Rundbau der Navajos, nachempfunden. Im Museum erinnern biografische Fotografien an ein besonders übles Kapitel amerikanischer Ausbeutungsgeschichte, als Tausende von Navajos ohne Schutz und Aufklärung über die gesundheitlichen Gefahren im Uranbergbau beschäftigt waren - eine Geschichte, die auch den Hintergrund für Hillermans Tod der Maulwürfe abgibt.

Der Mittdreißiger hat wie viele junge Leute nach wenigen Grundschuljahren die Reservation verlassen und in Kalifornien Frau und Job gefunden. Sie kehrten zurück, als Kinder kamen, denn die sollten als Navajos aufwachsen. Bei den Großeltern lernen die Kinder die Navajo-Sprache, Schafzucht und das einfache Leben. Obwohl Johns Frau als Lehrerin in der Reservatsschule unterrichtet, beherrscht sie die Navajo-Sprache nicht. Er kann sie immerhin verstehen und nimmt Kurse, um sie irgendwann auch sprechen zu können. John wohnt mit seiner Familie in Gallup, einer typischen Stadt mit indianisch-amerikanischer Mischkultur. Sein Clan kann ihm kein Bauland geben, ohne die althergebrachte halbnomadische Lebensweise aufzugeben. Das Land ernährt nur eine begrenzte Zahl von Menschen.