Brüchige Glasknochen, Schleimlungen, Blut-, Stoffwechsel- und Nervenkrankheiten - es gibt eine Fülle schwerer Erbleiden. Selbstverständlich versuchen wir, den Patienten zu helfen und üble Launen der Natur zu korrigieren. Die Therapie ist nicht nur erlaubt, sondern ethisch geboten .

Allerdings wäre Vorbeugen besser als Heilen. Angehörige erbkranker Familien kennen das Elend genau und möchten ihren Kindern solche Leiden ersparen. Nach heftigen Disputen toleriert unsere Gesellschaft die Abtreibung schwer erbkranker Babys, falls die werdende Mutter ihre Gesundheit bedroht sieht. Ein unbefriedigender Kompromiss.

Leider schränkt die Bundesärztekammer jedoch den Zugang zur PID massiv ein: Sie ist nur solchen Paaren erlaubt, die ein bekanntes und sehr hohes Risiko tragen, erbkranken Nachwuchs zu zeugen. So sei es "unabdingbare Voraussetzung", dass das hohe genetische Risiko "bei beiden Partnern" dokumentiert ist. Mit kaum hundert Fällen pro Jahr ist zu rechnen. Etwa wenn Eltern bereits eine krankes Kind haben und sich nun ein gesundes zweites Baby wünschen.

Für eine PID genügt laut Ärztekammer weder, dass die Frau altersbedingt ein erhöhtes Risiko trägt, ein krankes Kind zu gebären, noch dass sie sich wegen Sterilität einer Befruchtung außerhalb ihres Körpers unterziehen musste. Genau in solchen Fällen könnte die PID aber Tausenden Frauen helfen. Denn wenn sie sich den Mühen einer Reagenzglasbefruchtung unterziehen, warum dann die Prüfung des Embryos vor dem Einpflanzen in den Uterus verbieten, aber danach zur Pränataldiagnostik raten? Das fördert nur Schwangerschaften auf Probe und Abtreibungen. Dabei könnte die PID die Zahl der "medizinisch indizierten", oft aber eugenisch bedingten Abtreibungen deutlich reduzieren.

Der Bedarf nach Frühdiagnostik kindlicher Schäden wird zunehmen, in dieser Zukunftstechnik spielt die PID eine wichtige Rolle. Denn aus sozialen Gründen übersteigt das Alter von Erstgebärenden zunehmend die biologisch optimale Phase von etwa 18 bis 30 Jahren. Längst befürwortet die Gesellschaft das Wunschkind, und ähnlich legitim wie die Bestimmung des Zeitpunktes ist der Wunsch, schwere Erbleiden zu vermeiden.

Deshalb sollten wir das medizinisch beste und für die Frauen schonendste Verfahren ermöglichen. Der Entwurf der Bundesärztekammer ist halbherzig. Dahinter stecken Ängste, sowohl eine Kostenlawine loszutreten, als auch im politischen Kampf mit Lebensschützern, Abtreibungs- und Gentechnikgegnern oder schlicht Fortschrittsskeptikern große Angriffsflächen zu bieten. Gewiss, wie jede Technik ist auch die PID ein zweischneidiges Schwert: Sie kann missbraucht werden und einen unerwünschten Wettlauf um qualitätsoptimierten Nachwuchs entfachen. Die Ärztekammer minimiert dieses Problem zwar quantitativ durch ihre scharfe Zugangskontrolle zur PID, qualitativ entschärft sie es jedoch kaum. Dies erleichtert es den PID-Gegnern, den vorliegenden Entwurf als extremes Minderheitenprogramm zu verwerfen, dessen inhärente Risiken in keinem Verhältnis zum medizinischen Gewinn stünden.

Das entscheidende Problem lautet: Wie nutzen wir die PID zur Krankheitsvermeidung und verhindern ihren Missbrauch zur Nachwuchsoptimierung nach unerwünschten Kriterien wie Ästhetik, Geschlecht et cetera? Zentral ist hierbei der Informationsfluss vom PID-Labor zu den Eltern und ihrem Arzt. Warum sollten nicht wenige autorisierte Analysezentren, überwacht durch demokratisch legitimierte Zerberusse vom Schlage unserer Bundesgesundheitsministerin, nur krankheitsrelevante Daten herausfinden und weiterleiten dürfen? Damit ließen sich tausendfaches Leid und auf Dauer enorme Kosten für lebenslange Therapien vermeiden.