Tiefgaragen sind ideal. Sie sind ruhig, sie sind übersichtlich, aber doch gerade schummrig genug, um nicht gesehen zu werden. Nicht auf den ersten, nicht auf den zweiten Blick. Ideal für eine Quelle, die sich schützen muss; das kennt man schon seit "Deep Throat", dem Informanten der Washington Post im Watergate-Skandal. Leicht beklommen sitzt der ZEIT- Reporter auf dem Beifahrersitz. Neben ihm seine Quelle: der Serienenthüller Karlheinz Schreiber, von dem er direkt unter dem Regierungsviertel der kanadischen Hauptstadt Ottawa soeben erfährt, dass ein Killer in Montreal 5000 Dollar kostet, in Ottawa hingegen schon für die Hälfte zu haben ist.

Dieser unwirtliche Ort ist die erste Station eines bizarren Recherchebesuchs von vier Tagen, zu dessen Programm neben Arbeitsessen in Fünfsternerestaurants und edlen Clubs vor allem ziellose, viele Stunden dauernde Fahrten in Schreibers Jeep gehören. Kreuz und quer geht es dabei durch die Stadt, und immer wieder hält der Mann am Steuer die Zeit für gekommen, den Wagen in eine Tiefgarage zu lenken. Reine Vorsichtsmaßnahme.

Ottawa am frühen Sonntagabend. Die Stadt wirkt wie erstarrt. Es sind minus 15 Grad, die sich anfühlen wie minus 30. Seit Stunden tobt ein Schneesturm. In den Shopping Malls ist kein Mensch unterwegs; nicht bei dieser Affenkälte. Dennoch gilt Schreibers Prinzip: Man muss alles jederzeit unter Kontrolle haben, Ort, Timing, Koordination: "So definiert man eine Schlacht. Das ist der halbe Sieg", wie er sagt, nach langjähriger Erfahrung "aus meinen Kriegen zwischen Wirtschaft und Politik."

"Hier können wir nicht bleiben! Schnell weg!"

Entsprechend zielstrebig und vorsichtig ist er auch bei der Auswahl der Personen, mit denen er spricht. In vielen langen, transatlantischen Telefongesprächen zu nachtschlafener Zeit hat Karlheinz Schreiber sondiert, ob der Reporter seiner Audienz würdig sei. Klar, auch dieser Journalist will sich einreihen in den Pilgerstrom der Medienleute, die auf neuen Stoff im Parteispendenskandal spekulieren. Aber wie wird er Karlheinz Schreiber nützen, der sich vor der Verfolgung der Staatsanwälte, diesen "Augsburger Ochsen", ins Ausland abgesetzt hat und neben seiner ganz persönlichen Informationspolitik auch auf seriöse Öffentlichkeit aus ist? "Eigentlich mag ich den Presserummel ja gar nicht", sagte er am Telefon. "Aber für Sie mache ich eine Ausnahme. Ich mache das nur für Ihren Herausgeber. Den verehr ich noch heute" - wogegen sich der Herausgeber kaum wehren kann.

Schreiber hat Enthüllungen versprochen, und er hat von Anfang an klar gemacht, wer der Chef ist - er hat die Konditionen festgelegt. Er hat konspirative Arrangements getroffen und Termine diktiert - und alles wieder umgeschmissen. Schließlich der Marschbefehl: "Treffen in drei Tagen. Sonntag 14 Uhr. Treffpunkt: Hotel Chateau Laurier. Die Lobby. Ende."

Und dann ist es so weit: Ein kleiner, runder Mann stürmt in die neoklassizistische Hotellobby, wie ein Kugelblitz aus der Kälte. Braunes Designerjackett, weißer Seidenrolli über grasgrüner Cordhose. Am Handgelenk hüpft ein Louis-Vuitton-Täschchen hin und her, auf der Nase sitzt eine übergroße verspiegelte Sonnenbrille. Mit schneller Kopfbewegung überprüft Karlheinz Schreiber die Hotelhalle. Er hat alles sofort im Blick und den Besucher gleich registriert. "Grüß Gott", sagt er mit einem maliziösen Lächeln, "schön, dass Sie endlich da sind." Er drängt zur Eile. "Hier können wir auf keinen Fall bleiben, schnell weg!"