Informieren Sie sich einfach", sagt die Mutter auf dem Spielplatz zu einer anderen, und es klingt fast beruhigend, "mein Kleiner hat das auch, nichts Besonderes, eine Million Kinder haben ADS, das kann man heilen". Eine Million? Windpocken oder Masern, so hießen epidemische Kinderkrankheiten früher. Schnupfen haben Millionen, d'accord, auch quälende Krankheiten, bei denen die Zivilisation ihre Hände im Spiel hat, wie Allergien, Neurodermitis, Rückenleiden, und nun wäre also ein kryptisches Kürzel in den Wettbewerb der erfolgreichsten Volkskrankheiten getreten?

ADS, das steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder englisch Attention Deficit Disorder. Provisorisch ausgedrückt: Massenhaft unaufmerksamer Nachwuchs ist das Problem. Genauer: Eine wachsende Zahl von Kindern fällt durch Unruhe und Konzentrationsschwäche auf, und erschöpfte Eltern wie Lehrer, deren Belastbarkeit und erzieherische Fantasie an die Grenzen stoßen, suchen ärztliche Hilfe. Der Leidensdruck mancher Kinder ist allzu groß. Mit dem Gefühl des Versagens, namentlich in der Schule, rempeln sie überall an, wo die Normen Ruhe, Konzentration und Integration erfordern.

Das kommt dem Belagerungszustand des interessierten Verstandes gleich. Auf dem deutschen Markt decken immer neue Bücher den Bedarf, nicht mitgezählt die Stapel an Spielen und Materialien zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit, mit Vorliebe zu Schulzwecken. Und stellvertretend für Tausende klagt eine Lehrerin über einen kleinen Peter, der ein Problem habe, der auffällig sei, im Biologieunterricht könne er sich nicht konzentrieren. Aber Peter sitzt zu Hause Nachmittage lang, unablenkbar, über seine Kosmos-Lexika gebeugt. Was ist nur mit all diesen Petern los?

Informieren Sie sich: Ein Buch steht seit Wochen auf den Bestsellerlisten, das den wenig charismatischen Titel Das ADS-Buch trägt, kein Hindernis für etliche, aus Ratlosigkeit entschlossene Leser, der Lektüre näher zu treten. "Neue Konzentrationshilfen für Zappelphilippe und Träumer" empfiehlt es und das Zuversicht verströmende "OptiMind-Konzept" für alle Beteiligten, die sich fürsorglich um Kinder scharen: Eltern, Lehrer, Therapeuten und Ärzte. Kein Lese-Quickie, nein, sondern 317 Seiten von einer erfahrenen Kinderärztin und einer Psychologin verfasste Prosa, die für die Kinder das Beste will und für alle Bildungsschichten offen ist.

"Wir wissen nicht, ob Sie dieses Buch aus grundsätzlichem Interesse lesen wollen, oder weil Sie beruflich mit ADS-Kindern zu tun haben oder weil Sie in Ihrer Familie ein Kind mit ADS haben oder weil du selbst ein ADS-Kind bist", so geht es los. Und liturgisch, vom ersten Satz an, zieht sich das Zauberwort ADS durch die Zeilen und Seiten. Ein Label entsteht durch Repetition. Ja, über eine Million Kinder in Deutschland hat ADS, sagt das Buch, beruft sich auf "ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen", und ernsthaft, das heißt vor allem neurobiologisch: "ADS ist kein Erziehungsfehler und keine gewollte Marotte der Kinder - ADS ist eine Störung mit neurobiologischen Besonderheiten in den Informationsverarbeitungs-Prozessen unseres Gehirns." Das soll ein Trost sein. Und viele Eltern fühlen sich durch die Diagnose tatsächlich entlastet. Manche Kinder, die sich als unselige Störenfriede empfanden, finden im Zauberwort ADS Anerkennung für ihre Not, die anders nicht zu haben war. Und tragen fortan ein Etikett.

Das Chaos gebiert immer noch tanzende Sterne

Die Symptome? Liegen nah beim Alltäglichen, um nicht zu sagen Normalen. Doch was heißt schon normal? Störend ist, was als störend empfunden wird, auffällig ist, was unangenehm auffällt. Und das variiert nun mal ganz erheblich, zumal in einer Gesellschaft, in der die Begegnung mit Kindern zur Seltenheit wird. Nur nebenbei, auf wenigen Zeilen, erwähnen die Autorinnen, dass für eine valide Diagnose die Kriterien viel strenger gefasst sind, als es ihr Panorama an Merkmalen suggeriert.