Wie viel europäische Unabhängigkeit verkraftet die transatlantische Sicherheitsarchitektur? Die Frage drängt. Denn je zielstrebiger die EU ihr Projekt einer eigenen Verteidigungspolitik vorantreibt, desto spürbarer wird das Unbehagen - ja, der Unwillen - der amerikanischen Partner.

Am Montag dieser Woche verständigten sich die 15 EU-Verteidigungsminister in Portugal auf einen Fahrplan zum Aufbau einer Kriseneingreiftruppe. Ende dieses Jahres sollen die Mitgliedstaaten auf einer Geberkonferenz ankündigen, wie viel Soldaten und Material sie jeweils aufbieten können. Im Jahr 2003 will die EU imstande sein, innerhalb von zwei Monaten 15 Brigaden aufzustellen und ein Jahr lang im Feld zu lassen; dafür müssen, da die Einheiten alle vier bis sechs Monate ausgewechselt werden, bis zu 180 000 Mann verfügbar sein. Deutschland, heißt es in Bundeswehrkreisen, will zwei bis drei Brigaden beitragen - so viel wie die Briten.

Öffentlich spotten die Amerikaner gern über die Bemühungen der Europäer. Wie ernst sie die Entwicklung wirklich nehmen, war vergangene Woche bei CMX/Crisex 2000 zu besichtigen, der ersten gemeinsamen Übung von Nato und Westeuropäischer Union: Auf der Insel "Kiloland" irgendwo westlich von Afrika, so lautete es im fiktiven Drehbuch, bricht ein Bürgerkrieg aus. Doch die Nato ist anderweitig engagiert: Der Schurkenstaat "Yellowland" bedroht Südeuropa mit Massenvernichtungswaffen. Nun schlägt die Stunde der WEU, der jahrzehntelang arbeitslosen Verteidigungsorganisation der Europäer: Sie soll, with a little help from Nato, den Frieden auf der Insel wiederherstellen.

Keine große Sache, verglichen mit den monströsen Nato-Übungen von einst, bei denen echte Panzer durch deutsche Landschaften bretterten: Das Crisex-Szenario wurde nur auf dem Bildschirm durchgespielt und endete gnädig vor der Offenbarungsfrage, wer überhaupt derzeit Soldaten stellen könnte. Getestet wurde nur der Entscheidungsablauf, nach dem die Nato beschließt, die WEU machen zu lassen und dann mit ihr die Details der Benutzung von Nato-Einrichtungen aushandelt. Just da aber kam es zum Krach.

Im Nato-Rat, berichten Teilnehmer, warfen die Briten den Amerikanern in einem hitzigen Wortgefecht stures Beharren auf ihrer Prärogative als Primus inter Pares in der Allianz vor, "derweil die Franzosen, die das Ganze provoziert hatten", wie ein Beobachter sagt, "kühl lächelnd schwiegen". Der Kern des Disputs: Gilt der stellvertretende Nato-Oberbefehlshaber in Europa im Falle einer Ausleihe an die WEU als "Nato-Einrichtung"? Darf die Nato wegen des eigenen Einsatzes ein jederzeitiges Rückrufrecht beanspruchen? Ein bizarrer Konflikt - hinter dem ein bitterer Grundsatzstreit steht.

Paris will, dass die EU (die zum Jahresende die Institutionen der WEU übernehmen soll) in Verteidigungsfragen so unabhängig von der Nato wird wie möglich. Washington verweist nicht ganz zu Unrecht auf die Abhängigkeit der Europäer von Amerikas militärischer Macht. Britisch-deutsche Vermittlungsversuche blieben erfolglos: EU und Nato pflegen noch immer keinen offiziellen Kontakt miteinander - abgesehen davon, dass der Nato-Generalsekretär George Robertson und sein EU-Gegenüber, Javier Solana, gelegentlich zusammen frühstücken. Ein hoher Nato-Diplomat meint lakonisch: "Crisex gab den Amerikanern Gelegenheit, ihren Standpunkt drastisch klar zu machen - und sie haben das genutzt."

Manch einer in Brüssel tröstet sich mit der Hoffnung, dass derartige Differenzen im Ernstfall verblassen. Der aber könnte schnell eintreten: im Südbalkan, wo Experten ein heißes Frühjahr vorhersagen.