Nachdem Elfriede Jelinek aus Protest gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ die Aufführung ihrer Bühnenstücke in Österreich untersagt hat und auch sonst zunächst nur wenig zur politischen Entwicklung in ihrer Heimat beitragen wollte, meldete sie sich jetzt mit einer scharfsinnigen Analyse. In einem Interview mit der Berliner Morgenpost gab sie ihre neuesten Erkenntnisse über Jörg Haider kund. Er sei "der Führer eines homoerotischen Männerbunds" und arbeite "bewusst mit homophilen Codes, natürlich ohne sich wirklich als homosexuell zu bekennen". Ebendeshalb sei Haider "kein Macho" und werde auch nicht so empfunden: "Frauen sind weder seine Wählerinnen, noch sind Frauen seine bevorzugten Kandidatinnen, mit wenigen Ausnahmen."

Ist also Haider doch kein Hitler, sondern eher ein Röhm oder, etwas aktueller, ein Kühnen? Nicht ganz. Jelinek präzisiert ihre Ausführungen mit dem Hinweis, dass Haider mit der sexuellen Ambivalenz spiele und "eine Frau und ein Mann zugleich sein" könne; genau das gäbe ihm "das Schillernde, das die Massen ,einfängt'". Damit hat die Schriftstellerin ihre Analyse auf den Punkt gebracht. Es geht um das innige Verhältnis von Politik und Sexualität. Jelinek zufolge zeichnet sich in Österreich eine Neuordnung der politischen Leidenschaften ab. Auffälligstes Merkmal dieser Entwicklung sei schließlich die Präsentation des Kärntner Landeshauptmanns auf Nacktfotos, die jedem - auf symbolischer Ebene, versteht sich - den "sexuellen Akt mit dem braungebrannten jungen ,Führer'" erlaube.

Die pornografische Agitation Haiders, so verstehen wir jetzt Jelinek, beruhigt den von Kastrationsängsten gepeinigten Österreicher. Keiner soll mehr zu kurz kommen. Tief sitzende Anschluss-, Versagens- oder Verlustängste werden in den so ästhetischen wie homoerotischen Körperkult des FPÖ-Politikers sublimiert. Haider erfindet den politischen Körper neu.