"Ich fliege elegant, nicht wie eine Krähe, die erbärmlich rackern muss. Nein, eher wie eine Möwe, die einem Schiff hinterhersegelt ..."

In meinen Träumen begegne ich gelegentlich meinem Vater, er 48, so alt wie er damals war, ich 69, so alt wie ich heute bin. Und dann vertauschen wir die Rollen, er, mein Vater, wird mein Sohn und ich sein Vater. Er fragt mich, warum er sterben musste, warum er erschossen wurde. Ich erkläre es ihm, weiß auf alle seine Fragen eine Antwort, dann wache ich auf, meine klugen Antworten sind perdu, haben sich in Luft aufgelöst.

Ein anderes, vielleicht das wichtigste Thema in meinen Träumen? Das Fliegen. Ich fliege kühn, mit Raffinesse, fliege ins All oder gar ins Jenseits, besuche meinen Vater oder schon gestorbene Freunde und bin in der Lage, allen Katastrophen, die sich bei diesen Besuchen einstellen können, auszuweichen. Folgen mir Katastrophen ins All oder gar ins Jenseits, fliege ich vom Traum ins Leben zurück. So einfach ist das. Lauert auch hier eine Katastrophe wie zum Beispiel die Katastrophe des Stillstands, warte ich auf die Nacht, auf den Traum, und ich schwinge mich wieder auf und fliege der Katastrophe des Stillstands davon. Ich fliege elegant, nicht wie eine Krähe, die erbärmlich rackern muss. Nein, eher wie eine Möwe, die einem Schiff hinterhersegelt ...

Ein Gaukler muss fliegen können, über seine eigenen Grenzen, über die häufig engen Grenzen eines Textes hinweg. Kann er nicht fliegen, ist er nicht frei, und ist er nicht frei, ist er schlecht. Aber das gilt nicht nur für Gaukler. Ich spreche aus Erfahrung. Zieht ein fliegender Gaukler seine Kreise im Himmel und blickt er hinunter auf den Planeten, sieht er auch den eigenen Schatten, und er kann stolz feststellen, dass er nicht nur über ihn gesprungen, sondern sogar geflogen ist. Im Film Geschlossene Gesellschaft lautet ein Satz "Lieber keine Bewegung als eine falsche", gesprochen von einem zögerlichen Zeitgenossen. Ein Satz, den viele für richtig halten, zu viele. Und wenn man an ihn glaubt, sich nach ihm richtet, wird man zum Kriechtier, und die Gedanken, die Wahrheit und der Mut kriechen mit - und bleiben meistens noch auf der Strecke.

Im Jahre 1962, nach dem Bau der Mauer, schrieb ich folgendes Gedicht:

manchmal träumte er er könntefliegen durch die himmel sachtund er flöge wie ein falkedurch den tag und durch die nachteines tages konnt er's wirklichund er flog hoch auf der stadtund er segelt wie ein falkedurch den tag und durch die nachtalle welt stiert in den himmelund die staatsmacht sagt: vorbeikeiner darf wie 'n vogel fliegender im pass ein mensch noch seiheute fliegt er hinter wolkendenn ihn sucht die polizeigestern war der mond kurz dunkelda flog wohl der mann vorbeidann und wann gibt's einen mannder wie 'n vogel fliegen kann.