Wie lange er wohl schon behaust ist, der Mensch: 400 000 Jahre? In einfachen Hütten aus Laubzweigen und Stroh, umgrenzt von Steinen, seien unsere Altvordern damals "zu Hause" gewesen. Das behaupten jedenfalls die Forscher. Ihre Rekonstruktion eines Unterschlupfs, eine Mischung aus grünem Schiffsbug und Zelt, erinnert an Pfadfinderzeiten. Klapprig, zugig, selbst gebastelt wirkt die Hütte, war gewiss mehr emotionale Fassade denn effektiver Schutz. Sah so der Anfang der Architektur aus?

Heute, gut 20 000 Generationen später, haben Architekten und Baumeister auch die wildesten Stahl- und Betonträume realisiert. Dazu gehört auch das bereits vor 70 Jahren in einer Bauzeit von nur 18 Monaten hochgezogene New Yorker Empire State Building. Wer Lust hat, die geniale Konstruktion im Entstehen zu erleben, der sollte sich Joe anschließen und mit ihm zu den men at work hinaufklettern. Aber Achtung: Der Mittagsimbiss auf dem nahezu frei schwebenden Stahlträger verlangt Schwindelfreiheit! Joe und der Wolkenkratzer verringert das Risiko.

Ende des 20. Jahrhunderts jedoch zeigt sich kaum jemand davon beeindruckt, 381 Höhenmeter Wolkenkratzer in den Himmel zu schrauben. Man sehnt sich - ja, wonach eigentlich?

Denk- und Anschauungshilfe liefert der schmale Band Wo wir wohnen. Da laden collageartig montierte Doppelseiten zu einer Reise quer durch vergangene Zeiten und architektonische Welten ein. Rand- und bruchlos wie die aus Fotos, Zeichnungen und Gemälden arrangierten Illustrationen gehen die Themen ineinander über, bilden eine lange Inspirationskette.

Auf die Schutzhütten der Urahnen folgen bemalte Höhlen der Eiszeitmenschen und mittelalterliche Fachwerkhäuser, die heute mit heimelig restauriertem Gemäuer und sauber geputztem Bürgersteig - so auch der Begleittext - ein reichlich falsches Bild des wimmelnden, stinkenden Lebens zu Bauzeiten zeichnen. Dann bunte Facetten dessen, was als Dach über dem Kopf oder Dielenbrett unter den Füßen dient: Wohnen auf Rädern, auf Schiffen, auf Pfählen, hoch in Urwaldbäumen, im Zelt. Dazu ein Blick in die Zukunft mit Ron Herrons Walking City, einem monströsen Insektenförmigen Stadt-Ding, oder mit Hermann Finsterlins Bananensplit ähnlichem Schachtelhaus, einem bis heute unrealisierten Entwurf von 1920. Spiel, Ernst oder Inspiration für zukünftige Architektinnen und Städtebauer, so ab acht Jahren?

Und weil die Annäherung ans Sujet auch in jedem folgenden Band der neuen Reihe - die nun auch Brücken umspannt - unterschiedlich sein wird, lohnt sich der Blick zwischen die Buchdeckel auch für ältere Semester. Lesen und schauen also, gleich, wo man zu Hause ist.

* Achim Bode/Michael Frey/Andreas Linke: Wo wir wohnen