Er fehlt selbst jenen, denen seine messerscharfe Sprache ständig ins Gemüt schnitt. Johannes Gross verstand sich wahrlich nicht als Sanitäter für deutsche Seelen, vielmehr sezierte er unerbittlich die sentimentalen Anflüge des Zeitgeistes und war ebendeshalb ein Unikat in der deutschen Presse. Vor allem seine Notizen im dahingeschiedenen Magazin der FAZ zeugten immer wieder von außergewöhnlicher Denk- und Schreibkunst. Die letzten Gedankensplitter liegen nun gesammelt (von Februar 1995 bis August 1999, kurz vor seinem Tode) vor und provozieren immer noch gewollt verhaltenes Amüsement.

Als Nachrichten aus der Berliner Republik lässt sich die Sammlung nur bedingt erkennen. Hier obsiegte wohl der Wunsch nach einem zugkräftigen Titel über das tatsächliche Themenangebot. Was Gross mit seiner Feder aufspießt, ist weitgehend zeitlos, nicht an den Ort gebunden und auch nur in wenigen Fällen streng politisch. Vielmehr gilt, dass "das einzige, das die Stücke verbindet ... die Subjektivität des Verfasser" ist, wie er einem früheren Notizen-Buch vormerkte.

Mit zunehmendem Alter hielt Gross die Politik offenbar für abnehmend satisfaktionsfähig (was hätte er gar zu den derzeitigen Enthüllungslawinen noch sagen können?). Deshalb fehlen in dieser Sammlung weitgehend die gewohnten politischen Inkorrektheiten oder gar Anflüge Carl Schmittschen Geistes. Nur wenn er die Gesellschaft verhöhnt, "die das Gesindel nicht zu zähmen wagt", oder die Deutschen als die "frömmsten" Leute schilt, die "gar nicht so viele Backen" haben, "wie sie zum Streich hinhalten wollen", blitzt alte Schärfe auf. Wenn er hingegen Bonn vorwirft, Hauptstadt bleiben zu wollen, "ohne es werden zu müssen", oder die Hauptstadteuphorie in den Lokalteilen Berliner Zeitungen anprangert, greift er zu sanften Sottisen.

Statt der Politik beschäftigten Gross zuletzt die Fährnisse und Irrwege des Lebens. Dabei gelangt er zu erhellenden, durchaus dauerhaften Weisheiten.

Wenn er etwa den Begriff "Seelsorger" als "widerliches, schleimüberzogenes Wort" brandmarkt, "unter dem heute nur Personen vorgestellt werden können, deren Nähe man meiden muß", könnte der Autor ins Schwarze treffen. Auch sein "ehernes Lohngesetz: Je angenehmer die Arbeit, desto besser wird sie bezahlt" lässt sich belegen. Präsenile Abgeklärtheit schließlich spricht aus der Erkenntnis, dass es höchste und schönste Lebenskunst sei, einen Gedanken zu haben und ihn zehnmal verkaufen zu können.

An der so gepriesenen Kunst hat sich Gross - soweit erkennbar - nur selten orientiert. Stattdessen war ihm der möglichst originelle Gedanke Befehl.

Falls seine Einfälle die Zukunft betrafen, konnten sie allerdings schon einmal in die Irre führen. Dankenswerterweise hat der Verlag jedoch keine der vorausschauenden Notizen ausgelassen, "so daß die Leser an den Irrtümern des Autors teilnehmen können". Dazu zählt unter anderem die Prognose, dass die Deutschen in der Währungsunion wegen ihrer Stabilitätssucht wieder zu den bestgehassten Leuten in Europa würden als Modell der Solidität sind wir längst passé. Auch beim Nachruhm Bölls und Grass' hat Gross sich garantiert vertan. Den Nobelpreisträgern konnte am Ende des Jahrhunderts durchaus beständigerer Respekt prophezeit werden, als er Paul Heyse oder Carl Spitteler vom Beginn des Jahrhunderts beschieden war.