Wenn die Sonne scheint, leuchtet der Waldprophet in tausend Farben. Die Glasfenster, die seine Lebensgeschichte erzählen, bedecken die ganze Giebelwand einer Holzscheune: Am Anfang sieht man einen Jungen, der im Wald von einer mitleidigen Familie gefunden wird. Sie nimmt ihn auf und gibt ihm den Namen Matthias. Später verdingt sich der Bub als Hirte im Kloster Windberg, überwirft sich mit dem Abt, arbeitet als Müller und erschreckt alle Welt mit seinen düsteren Prophezeiungen. Schließlich kehrt er in den Wald zurück, in dem er gefunden wurde. Eines der letzten Glasbilder zeigt zwei Stiere, die seinen offenen Sarg ziehen. Aus dem Sarg ragt sein rechter Arm mahnend in die Luft. Das Volk drückt sich in weitem Abstand zum Leichenwagen ängstlich an den rechten Bildrand. "Werd euch als ein Toter noch einmal auskommen", hatte der Verstorbene, der Mühlhiasl, zu seinen Lebzeiten vorhergesagt.

Der Glaskünstler Rudolf Schmid, der die monumentale Bilderfolge in einer eigens dafür um- und ausgebauten Scheune seit 1980 geschaffen hat, nahm sich eines ungeheuer populären Stoffes an. Den Wahrsager Mühlhiasl, der um 1800 gelebt haben soll, kennt im Bayerischen Wald jedes Kind. Viele seiner suggestiven Endzeitprophezeiungen sind noch heute in aller Munde und finden sich in Schmids Kunstwerk auf einem eigenen Bild mit scharfen weißen Konturen vor dunklem Hintergrund dargestellt: Da steigen Kampfflugzeuge auf, Menschen tragen Gasmasken, Autos rollen durch den von Luftverpestung gezeichneten Bayerischen Wald - all dies habe der Mühlhiasl vorausgesagt, meinen seine Anhänger, und noch mehr: einen künftigen Weltkrieg, der im Jahr 2038 stattfinden werde.

Die Gläserne Scheune, an einem Abhang hinter der Stadt Viechtach gelegen und mit großartigem Ausblick über die Hügelkette des Bayerischen Waldes, ist jedenfalls ein Publikumsmagnet und ernährt die Familie Schmid seit vielen Jahren. Dass der Künstler freimütig bekennt, nicht an die Prophezeiungen des Mühlhiasl zu glauben und dass er eigentlich nur eine volkstümliche Geschichte künstlerisch umsetzen wollte, irritiert höchstens einzelne Enthusiasten.

Kritikern entgegnet Schmids Frau Margarete, die bereits unzählige Besucher durch die Gläserne Scheune geführt hat: "Es gibt ja auch Leute, die malen die ganze Bibel und glauben nicht an Gott." Tochter Barbara, die vor einiger Zeit das Haus übernommen hat, fand dagegen erst im Lauf der Jahre zu einer distanzierten Haltung: "Als Kind, als mein Vater angefangen hat, da kursierten überall diese Prophezeiungen, dass die Welt untergeht. Da hatte ich schon ziemlich Panik und habe immer überlegt, wohin könnt ich denn auswandern? Damals entstand mein Faible für Australien."

Von den Prophezeiungen des Mühlhiasl, mit denen sie aufgewachsen sind, berichten viele Bewohner des Bayerischen Waldes. Zu Hause, in der Schule oder auch im Wirtshaus hat man sich früher die Visionen des Waldpropheten erzählt: "Der Mühlhiasl hat's scho g'sagt" war häufig die Einleitung zu einer langen Geschichte gewesen. Dass bislang weder seine Existenz noch sein Taufname - Matthias oder Matthäus -, noch die authentische Überlieferung der Aussprüche einwandfrei belegt werden konnten, stört kaum jemanden.

An die Stelle unangreifbarer Beweise tritt eine reiche mündliche Tradition und vor allem eine Vielzahl literarischer Ausformungen und Deutungen - das volkstümliche Mühlhiasl-Buch des Heimatschriftstellers Paul Friedl, an dem sich Rudolf Schmid mit seinen Glasbildern orientierte, der fantasievolle (und rasant antiklerikale) Roman des Passauer Autors Manfred Böckl, zahlreiche Sachbücher und nicht zuletzt einige Dramatisierungen.

Eine ovale Holzbühne mitten im dichten Wald, im Schatten der Burgruine Lichtenegg, auf 900 Meter Höhe. Seit fünfzehn Jahren spielt hier, unweit der Gemeinde Rimbach, im Sommer der Lichtenegger Bund, eine ambitionierte Gruppe von Laienschauspielern mit großem Idealismus und einem Gespür für publikumswirksame Stoffe. So wird in diesem Jahr wieder das eigens geschriebene Rimbacher Mühlhiasl Spiel aufgeführt, der bislang größte Erfolg der etwa 150-köpfigen Vereinigung.