Irgendwann erledigt sich jedes Thema von selbst wenige allerdings derart unerwartet und in einem solchen Tempo wie die deutsche Frage. Innerhalb weniger Wochen konnte ein Problem von der Tagesordnung der internationalen Politik genommen werden, das diese vierzig Jahre lang beschäftigt, in einigen Situationen sogar bestimmt und in Atem gehalten hat. Seinen für jedermann sichtbaren Ausdruck fand diese deutsche Frage seit 1961 in einem 1378 Kilometer langen "System von elektrischen Zäunen, Todesstreifen, Wachtürmen und Fahrwegen für die Streifen".

Zehn Jahre nach dem unerwarteten Fall dieser Mauer hat Heinrich Potthoff die Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen vom Baubeginn des Teilungswerks bis zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 nacherzählt. Insbesondere mit zwei Dokumentationen zur Bonner Deutschlandpolitik der siebziger und achtziger Jahre hatte er sich nachdrücklich für eine solche Aufgabe empfohlen. Aufbauend auf diesen Recherchen sowie ergänzenden Studien, beispielsweise den Akten des Bundeskanzleramts, gibt Potthoff dem Leser einen zwar sprachlich nicht immer gelungenen, in der Sache aber zuverlässigen Bericht über ein dreißigjähriges Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte in die Hand. Darin tritt er nicht zuletzt jenen Mythen entgegen, die sich im vergangenen Jahrzehnt auf diesem Feld wie auf kaum einem zweiten gebildet haben.

Das gilt insbesondere für die Behauptung praktisch aller politischen Kräfte der alten Bundesrepublik, die deutsche Frage "offen" gelassen und die Vereinigung Deutschlands im Blick behalten zu haben. Dagegen zeigt Potthoff an zahllosen Beispielen, dass es, im zeitgenössischen Vorstellungsvermögen und schon wegen der weltpolitischen Rahmenbedingungen, keine Alternative zur Zweistaatlichkeit geben konnte und dass Bonner Politiker eben deshalb "fast unisono verkündeten ..., daß die deutsche Frage auf absehbare Zeit nicht auf der Tagesordnung stehe". Die "Positionen und Aktionen von Regierung und Opposition" unterschieden sich eben nicht, wie Potthoff einmal mehr zeigt, "so diametral", wie es häufig, und insbesondere in Zeiten von Wahlkämpfen, den Anschein hatte. Das gilt für die Verdienste der Deutschlandpolitik, aber eben auch für ihre bedenklichen Seiten.

Und auch der sich seit einigen Jahren breit machenden DDR-Nostalgie tritt Potthoff entschieden entgegen. Gewiss, der Bau der Mauer trug zwangsläufig auch zu einer gewissen Konsolidierung der DDR bei. Aber, so Potthoff, der SED-Staat "wurzelte in keiner eigenen Identität", sondern gründete seine Existenz auf die "Funktion als Vorposten des sowjetkommunistischen Machtimperiums ... Die Mauer war sein Faustpfand und seine Überlebensgarantie".

Vom Exitus der DDR her betrachtet, hat dieser Befund manches für sich. Ob er sich allerdings für den gesamten Zeitraum, insbesondere für die sechziger Jahre, so halten lässt, ist angesichts der jüngeren DDR-Forschung fraglich.

Aber das sind Interpretationsfragen der Solidität dieser Darstellung tun sie keinen Abbruch.

Heinrich Potthoff: Im Schatten der Mauer Deutschlandpolitik 1961 bis 1990 Propyläen Verlag, Berlin 1999 448 S., 39,90 DM