London

Die Feiern zum 100. Jubiläum von Labour am vergangenen Wochenende erinnerten an jene Festlichkeiten, auf denen Verwandte, die einander schon immer unausstehlich fanden, verklärt in die Vergangenheit blicken, um dem derzeitigen Oberhaupt der Familie in trauter Einheit Missachtung von Tradition und Werten vorzuwerfen. Was half es, dass Premierminister Tony Blair seine Partei daran erinnerte, dass die Bilanz des Jahrhunderts so großartig nicht aussieht? Labour hat davon ganze 23 Jahre regiert und nie eine zweite Amtszeit durchgestanden. So gut wie heute waren die Chancen auf einen erneuten, klaren Wahlsieg noch nie.

Viele Aktivisten grollen dennoch. Sie fühlen sich von New Labour vergessen und werfen Blair und seinen Ministern vor, ausschließlich um die Gunst der Mittelschichten zu buhlen. Die Missstimmung an der Basis wäre für den Regierungschef leichter wegzustecken - böte sich nicht mit Ken Livingstone plötzlich ein Politiker an, der zum Fokus der Unzufriedenheit in der Partei zu werden droht.

Der "Rote Ken", der auch ohne die von der Partei verweigerte Nominierung Londons erster direkt gewählter Oberbürgermeister werden möchte, entpuppt sich als Blairs Fleisch gewordener Albtraum. Livingstone ist ein linker Populist mit listigem Lächeln und scharfer Zunge, amüsant und schlagfertig.

Die Medien lieben ihn, weil er Farbe in die Politik bringt

die Leute schätzen seine unverblümte Art, die sich wohltuend abhebt von den ferngesteuert wirkenden Blair-Anhängern in Parlament und Regierung.

Als Hinterbänkler im Unterhaus war der 54-Jährige mit dem Cockney-Akzent und der radikalen Vergangenheit indes bis vor kurzem ein wenig beachteter Außenseiter. Seine politischen Vorhersagen erwiesen sich zumeist als falsch