Wenn Polly Mellen den Saal betritt, hört man das überall: Oh Darling, wonderful! Sie kennt jeden, war mal die Muse von Paco Rabanne, jetzt mit 60 sieht sie aus wie eine Mischung aus Jil Sander und Mutter Beimer. Die erste Regel bei Musen: Sei lieb zu ihnen, wenn du etwas werden willst. Also lassen schlaue Designer diesen Frauen die gute Plätze. Wie auch Isabella Blow, der Modechefin des Sunday Times Magazine. Alexander McQueen hat sie zur Muse erkoren. Wegen der verrückten Hüte? Die berühmteste männliche Muse ist Richard Buckley. Der Vogue-Stylist bringt Tom Ford, den Designer von Gucci, auf neue Ideen. Die beiden fahren gemeinsam in den Urlaub und denken bei alkoholfreien Mojitos nach. Als absolute Stimmungskanone gilt Anna Piagi aus Mailand. Sie trägt komplizierte Kleidung mit bunten Federn. Früher war sie Model und das angeblich schönste Wesen Italiens.

Der Holländer Matthias Vriens, ein Avantgardist, hat vor vier Jahren das Magazin Dutch erfunden und damit den Modejournalismus in eine neue Richtung gelenkt. In dieser Welt zählen die Regeln von Sitzplänen nicht mehr. Hefte wie Self Service oder purple verstehen die Mode mehr als Kunst und weniger als Produkt. Elein Fleiss ist die Denkerin von purple und sitzt irgendwo in der Holzklasse: Reihe zwei bis zehn. Mit ihren Filzklamotten sieht sie aus wie eine Skulptur von Joseph Beuys. Stephen Gan vom amerikanischen Magazin Visionaire dagegen zählt sich gern zur Avantgarde und merkt nicht, dass sein Magazin dafür zu kommerziell ist. Er trägt den Bauchnabel immer frei und windet sich wie eine Schlange um gefeierte Designer. Im Moment knutscht er mit Edi Slimane von Yves Saint Laurent.

Suzy Menkes, eine der wichtigsten Modejournalistinnen, hat sich noch nie die Füße ablecken 1assen aber ihr wurde bislang jeder Wunsch erfüllt. Wenn sie im Stau stecken bleibt, fängt das Defilee eben später an. Was Suzy denkt, steht am nächsten Morgen im International Herald Tribune, ihre Kolumne kann über Karrieren entscheiden. Angezogen ist die New Yorkerin wie die meisten Mitglieder des Modezirkus teuer, unauffällig, schwarz. Ihre Kollegen nennt Suzy Redakteursschnepfen, obwohl sie selber eine ist. Wie Suzy zu ihrer Macht gekommen ist, kann heute niemand mehr genau sagen. Sie schreibt jedenfalls sehr amüsant, ihr Urteil gilt als unfehlbar. Neben Suzy sitzt meist André-Léon Talley, Art-Director der US Vogue. Sein Spitzname ist Queen Kong, weil er sehr groß ist und sehr schwul. Er hat eine kreischende Lache, was umso mehr auffällt, weil er der einzige ist, der lacht. Und keiner weiß, worüber. André-Léon ist zuletzt ein bisschen dicker geworden. Hat er zugenommen, weil seine Chefin Anna Wintour ihn gequält hat? Anna trägt seit Jahrzehnten einen strengen Pony und Sonnenbrille. Egal, wie dunkel der Raum ist. Das gibt ihr eine bedrohliche Ausstrahlung. Anna wird wegen ihres Führungsstils Stalin genannt.

Franca Sozzani, Chefredakteurin der italienischen Vogue, ist das Gegenteil: eine italienische Dame mit großem Herz. Sie ist schon über 60, aber wegen ihrer Eleganz laufen ihr noch immer die Männer hinterher. Für die Pariser Vogue sitzen die Chefredakteurin Joan Juliet Buck und die Stylistin Carine Roitfeld am Laufsteg. Ein sympathisches Gespann: Joan Juliet gilt als jemand, mit dem man auch mal ein Bier trinken kann. Carine kann es sich erlauben, nur mit den besten Fotografen (Mario Testino) für die besten Kunden zu arbeiten.

Die einzige Deutsche im Zirkel der Wichtigsten ist Angelica Blechschmidt von der Münchner Vogue. Manchmal trägt sie ein bisschen zu viel Schmuck, ihre Haare erinnern an Zuckerwatte. Aber es gibt eine Menge Leute, die gern mal Angelikas private Fotosammlung sehen möchten. Die ehemalige Zirkusartistin hat bei Schauen immer eine Kamera dabei und knipst munter in der Gegend umher.