Moskau

Nur staatlich abgesegnete Neuigkeiten dürfen nach außen dringen, das ist der Sinn einer Informationsblockade. Ärgerlich, wenn trotzdem an die Öffentlichkeit gerät, was nicht für sie bestimmt ist. Mit derlei Sorgen müssen sich Sergej Jastrshembskij, der Tschetschenien-Sprecher des amtierenden russischen Präsidenten, und die russische Armee täglich herumschlagen. Deshalb ist es Journalisten untersagt, ohne moralische Anleitung staatlicher Stellen Tschetschenien zu besuchen. Deshalb wurde der russische Journalist Andrej Babizkij von Radio Liberty wochenlang von Sicherheitsdiensten in Tschetschenien hin und her geschoben und misshandelt.

Jastrshembskij war bestürzt, als am vergangenen Freitag die Fernsehbilder von tschetschenischen Leichen, die von russischen Soldaten mit dem Stiefelabsatz in ein Massengrab geschoben wurden, um die Welt gingen. Ein Lastwagen schleifte einen toten Körper über einen Acker, einer Leiche fehlte ein Ohr.

Da hob sogar Präsident Clinton im fernen Washington den Zeigefinger gen Moskau. Anlass genug für Jastrshembskij, den Dingen schleunigst auf den Grund zu gehen. Woher kamen die Bilder?

Gezeigt hatte den Film ein Münchner Privatsender. Dessen Korrespondent Frank Höfling kommentierte die Bilder mit der Suggestivfrage: "Sind die angeblich im Gefecht gefallenen Kämpfer in Wahrheit verschleppte Tschetschenen aus dem Lager Tschernokosowo, die einfach hingerichtet worden sind?" Jastrshembskij und sein Stab griffen die wacklige Wahrhaftigkeit dieser Worte an, um die Aussage der Bilder in Zweifel zu ziehen. Sie fanden im Handumdrehen den russischen Kameramann, der bei Gajty westlich von Grosnyj gedreht hatte. Der sagte, dass nicht Höfling - wie der Münchner Sender behauptet hatte -, sondern er selbst der Autor der Bilder sei. Er betonte zugleich, die toten Tschetschenen seien im Kampf gefallen und nicht anschließend erschossen worden. Die Staatssender brachten diese Aussagen unters Volk, die Iswestija widmete am nächsten Tag ihre Titelseite dem Thema unter der Überschrift: Herr Höfling - Sie sind ein Lügner! Insofern war nach kurzer Verwirrung die Ordnung der Dinge wiederhergestellt. Schuld waren also nicht die tapferen russischen Soldaten, sondern böswillige Journalisten.

Alsbald hub unter den deutschen Auslandskorrespondenten in Moskau ein rechtschaffenes Räsonieren über Moral und Ethik der Berichterstattung an.

Vielerlei wurde von vielen gesagt, unter anderem in der Öffentlichkeit. Die staatlichen Sender und die Iswestija berichteten über die Selbstreflexionen der Deutschen, derweil der russische Medienkonsument unter dem Strich den Eindruck gewann, da hätten sich die Ausländer mal wieder einen gewaltigen Schnitzer geleistet.