Vor 27 Jahren ging bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik ein kleines Beben durch die Avantgarde-Gemeinde. Ausgerechnet an der Traditionsstätte des seriellen Komponierens ließ der 25-jährige Wolfgang Rihm ein Streichtrio spielen, das manchem wie Punk in den Ohren klang: seitenweise nur drei (oder weniger) Akkorde, hochenergetisches Schrubben über alle Saiten, schreiende Tongebung. Und da auch die vatermörderische Attitüde nicht fehlte, waren die strengen Darmstädter Kunstrichter nicht amüsiert. Mit seiner Musik für drei Streicher polemisierte Rihm vehement gegen eine Ästhetik des Konstruktivismus, "die sich Expression als Seelenregung schon seit langem verboten hatte". Rihm plädiert für eine subjektive Musik.

Doch wer Rihms Streichtrio als Psychogramm hört, dem wird bange um die Seele des Komponisten: Die unablässig hingefetzten Akkorde brüllen Furor, Ingrimm, Wahn. Keine Partiturseite, die nicht vollständig oder sporadisch in den roten Bereich der Lautstärkeskala schnellt. Die Tremoli, die Ostinati von Figuren, die unablässigen Schweller führen über weite Strecken zu hochtouriger Betriebsamkeit im Stillstand. Die allmähliche Verfertigung eines Gedankens gehört nicht zu den Anliegen von Rihm, vielmehr schon der rabiate Umschlag in die Extreme - bei klarer Dominanz des Exaltierten. "Mein Plädoyer geht für eine undurchschaubare, klare, verwirrte und leidenschaftliche Musik, eine präzise und erstaunte, wie es menschliche Existenz ist."

Rihms Streichtrio ist in seinem monumentalen Ausmaß - es dauert knapp eine Stunde - und seiner Emotionalität eine Zumutung (das sollte Kunst immer sein) für alle Beteiligten. Der Hörer mag sich im Mitfühlen erschöpfen, für den Spieler wird es existenziell.

Das Freiburger Trio Recherche - bestehend aus Melise Mellinger, Barabara Maurer und Lucas Fels - hat das Stück seit langer Zeit im Repertoire, hat es hundertfach gespielt, und das tut der CD-Produktion (Kairos 0012042kai, Vertrieb: Edel) natürlich gut. Sie geben es mit einer in Fleisch und Blut übergegangenen spieltechnischen Sicherheit, die es ihnen ermöglicht, sich ganz dem Ausdruck zu widmen. Und so erfüllen sie als Interpreten ein Diktum Rihms: "Was heißt denn Komponieren und Komponistsein auch? Es heißt, das Leben in seinen Krisenmomenten stillstehen lassen, diese zu formulieren und eine eigenartige Erfüllung im Vermitteln dieser geronnenen Lebenszeit zu finden. Voraussetzung wäre dazu eine experimentelle Existenz, die mit sich und nicht mit irgendwelchem Material experimentiert."