Seit Jahren ist im autoverstopften Europa die verkehrspolitische Wende das Gebot der Stunde. Ausgerechnet die reformresistenten Schweizer sollen jetzt den ersten radikalen Schritt wagen. Eine Bürgergruppe verlangt, den Straßenverkehr innerhalb von zehn Jahren zu halbieren. "Die Initiative für halb so viel Straßenverkehr ist eine Liebeserklärung an jeden einzelnen Baum, jeden einzelnen Menschen. Sie ist eine Liebeserklärung an die Schweiz", lockt Beat Ringger, der Präsident der Initiative "umverkehR".

Doch Autolobby und Unternehmer sehen rot. "Die Initiative zielt auf den Lebensnerv unserer Gesellschaft und Wirtschaft", empört sich Pierre Triponez, der Chef des mächtigen Gewerbeverbandes. Hunderttausende Jobs würden vernichtet. Etwa jeder zehnte Eidgenosse wäre davon betroffen. Die Regierung in Bern springt der Wirtschaft bei, sie fürchtet um den sozialen Frieden im Land.

Immerhin haben die "wohlstandsmüden Öko-Fundamentalisten" über 100 000 Unterschriften gesammelt, am 12. März stimmen die Eidgenossen über ihr Konzept ab. Laut Umfrage steht eine Mehrheit der Wahlberechtigten dem Anliegen skeptisch gegenüber. Die Halbierer stellen eine "sichere und gesunde Schweiz" in Aussicht: "Jedes Jahr blieben Tausende Menschen unversehrt, die heute verletzt werden. Rund 150 Verkehrsopfer blieben am Leben, die heute sterben." Stickoxide und gefährliche Feinstaubpartikel würden verringert, der Energieverbrauch heruntergefahren. Kurz, die Schweiz wäre der ökologische Vorreiter der Welt.

Den Weg in die Utopie haben Ringger und seine Mitstreiter auch schon gewiesen: "Der Benzinpreis soll langsam angehoben werden." Diesen "Öko-Bonus" schöpft der Staat bei Vielfahrern ab und gibt ihn gleichmäßig an alle Haushalte zurück. "Weil ein Fünftel der Haushalte heute mehr als die Hälfte des Benzins verfährt, profitieren 80 Prozent der Bevölkerung vom Öko-Bonus."

Und, so das Kalkül, das Auto bleibt öfter in der Garage. Zudem setzt umverkehR auf neue Leichtmobile, das Teilen von Autos und die Förderung des öffentlichen Verkehrs. In den Städten soll das Fahrrad zu einem Hauptverkehrsmittel werden. "Wir wollen das Autofahren nicht verbieten, wir wollen aber die Mobilität effizienter gestalten", verspricht der Berner Ökologie- und Freizeitforscher Jost Krippendorf von umverkehR.

Nach dem Zweiten Weltkrieg rollten gerade einmal 150 000 Autos über Schweizer Straßen. Heute sind es 3,3 Millionen, jeder zweite Schweizer hat ein Auto.

Hinzu kommt die Blechlawine aus dem Ausland. "Wenn die Chinesen einmal so viele Autos kaufen wie wir, dann fahren eine halbe Milliarde Autos in China ...", rechnet Krippendorf vor, der selbst keinen Pkw besitzt. "Die Industrie bringt Modegags wie den Smart auf den Markt. Nur damit das Wachstum sich beschleunigt. Das Ganze basiert auf einem grenzenlosen, völlig irrationalen Mobilitätskonsum."