Streit kann heilsam sein. Auch der Konflikt, der nun zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland offen ausgetragen wird, birgt im Kern diese Chance - selbst wenn er wie albernes Machtgeplänkel wirkt. Denn vordergründig debattieren die Regierungen zwar nur um Personal, um die Besetzung des Chefsessels beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Im Hintergrund aber findet ein viel wichtigerer Disput statt. Die Frage lautet: Welchen Fonds braucht die Welt von morgen?

"Keinen", lautet wohl die Antwort vieler Kritiker. Seit jeher gilt die Institution bei Globalisierungsgegnern als Tempel des Kapitalismus. Doch nicht nur ihnen ist unwohl. Bürger der Industrienationen fragen sich, warum der Fonds Milliardenkredite an Länder mit dubioser Wirtschaftspolitik vergibt - an Russland zum Beispiel. Bürger armer Länder wiederum stöhnen unter der Knute der Institution, "Imperialismus", lautet ihr Vorwurf. Einfach abschaffen ist dennoch keine Lösung. Denn so reformbedürftig der Fonds auch ist - würde er heute aufgelöst, gäbe es morgen einen neuen. Der IWF bietet seit jeher kurzfristige Hilfe bei Währungskrisen, eine Sicherheit, die keine Regierung dieser Welt missen will. Das kann auch so bleiben.

Reformen braucht der Fonds an anderer Stelle, zuallererst beim Kreditgeschäft mit der armen Welt. Seit der Schuldenkrise, Anfang der achtziger Jahre, ist diese Politik aus dem Ruder gelaufen. Zur Erinnerung: Damals hatten Entwicklungsländer zu viele Kredite aufgenommen - unterstützt von leichtsinnigen Geldgebern. Plötzlich konnten sie die Schulden nicht mehr zahlen, das internationale Finanzsystem bebte. Der IWF sprang ein: Krisen des Finanzsystems zu beseitigen gehört zu seinen Kernaufgaben. Er stellte riesige Kreditpakete zusammen und entwickelte mit den Gläubigern eine Entschuldungsstrategie. Damit begann die Misere. Von nun an formulierte der Fonds die Wirtschaftspolitik für viele Länder. Frisches Geld bekamen nur jene, die sich an seine Rezepte hielten. Leider aber warten die Patienten bis heute auf die Heilung. Die meisten Staaten Afrikas und Lateinamerikas hängen am Tropf des Fonds, zudem hat er längst andere Kunden gewonnen: Osteuropa und Teile Asiens brauchen seine Überweisungen.

Lasst uns aus der Geschichte lernen, fordern die Reformer der Institution deshalb zu Recht, allen voran die US-Regierung. Sie will den Fonds auf Kernaufgaben beschränken: Er soll Krisen verhindern. Nebenbei aber soll er sich nur noch um kurzfristige Ungleichgewichte der Zahlungsbilanz kümmern.

Das klingt bestechend.

Tatsächlich muss der Fonds zunächst die Finanzmärkte effizienter kontrollieren und eine bessere Krisenprävention entwickeln. Eine neue Einstellungspolitik könnte dabei helfen, indem zum Beispiel neben Finanzbeamten auch Banker und Fondsmanager angeheuert werden. Doch damit allein ist es nicht getan. Ebenso wichtig ist der andere Aspekt der Reform: Wie soll der Fonds künftig mit Krediten umgehen?

Die Antwort bietet ein Gedankenspiel. Man denke sich die nächste Krise, denn die kommt bestimmt. Was wird passieren, wenn wieder ein wichtiger Staat in die finanzielle Bredouille gerät? Die Welt würde nach dem IWF rufen. Krisen von Finanzsystemen haben nämlich einen Nebeneffekt: Sie passieren selten isoliert. Sie können jeden mitreißen. In Asien ließ sich das exemplarisch beobachten: Erst kippte Thailand, dann folgten die Nachbarländer, und als die Banken in Europa und den USA in Mitleidenschaft gezogen wurden, schritt der Fonds ein. Um den globalen Crash zu verhindern, verlieh er langfristig Geld und versah die Kredite mit Bedingungen. Die amerikanische Idee bietet für solch eine Situation keine Lösung. "Sorry", der IWF ist nicht mehr zuständig - das kann wohl nicht die Antwort sein.