Der deutsche Widerstand gegen Hitler beruhte im wesentlichen auf drei Säulen: der frühen Verweigerung in Teilen der organisierten Arbeiterschaft, der Empörung aus ethischen Gründen in Kreisen des überwiegend national gesinnten Bürgertums - einschließlich der beiden Kirchen - und der späten, zu späten Einsicht führender Vertreter des Offizierkorps, dass der Krieg beendet werden müsse. Neben diesen drei Gruppierungen, die im Laufe der Jahre verschiedene Allianzen eingingen, gab es zahlreiche einzelne Mutige wie Georg Elser oder die Geschwister Scholl, deren Beispiel heute besonders hell leuchtet. Nur eines begegnet in den überlieferten Dokumenten nicht: Widerstand aus dem Geist des politischen Liberalismus.

Hier meinte der Verfasser der vorliegenden Studie über Robert Bosch und seinen Kreis eine Forschungslücke entdeckt zu haben. Und nicht nur das. Weil die Geschichte des Unternehmens Bosch die landläufige Legende von der Komplizenschaft zwischen Großindustrie und Nationalsozialismus auf wundersame Weise widerlege, sei sie von den Historikern bewusst ausgespart worden. Der Ansatz verspricht Spannung. Das Problem besteht darin, dass es gar nichts auszusparen gab.

Wenige Wochen nach Kriegsausbruch erhält Boschs Privatsekretär vom bald 80-jährigen Patriarchen "eine Art Einverständnis ... durch einen Sturz (Hitlers) eine baldige Wendung des Krieges" herbeizuführen. Der arme Sekretär: Sollte er wohl mit dem Nachtzug nach Berlin und direkt in der Reichskanzlei vorfahren? Es war aber nur "eine Art Einverständnis", und vielleicht war sich der Sekretär auch nicht ganz sicher. Da der Firmenchef im März 1942 starb - das Staatsbegräbnis wurde von Hitler persönlich angeordnet -, kann Scholtyseck über Boschs Einstellung zum Attentat vom 20. Juli 1944 frei spekulieren: "Die Vita von Robert Bosch" habe "auf eine solche Entwicklung hingedeutet". Solche Sätze kennt man bisher nur aus Mystikerbiografien.

Scholtyseck wollte weder eine Biografie Boschs noch eine Unternehmensgeschichte schreiben, sondern die Geschichte des "Boschkreises" als "Anlaufstelle" des politischen Widerstands. Der "Boschkreis", das sind sechs Herren des Direktoriums und einige weitere Mitarbeiter, die "die Unternehmensphilosophie verinnerlicht hatten". Kern einer Unternehmensphilosophie sind Begriffe wie Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung. Der Bosch-Chronist tut jedoch so, als sei der Geist des Hauses Bosch eo ipso der Geist des Widerstands gewesen. Auch auf ihn trifft deshalb die seinerzeit von Henry Turner getroffene Feststellung zu, die meisten Studien über Wirtschaft und Nationalsozialismus seien "weit entfernt vom Denken und Verhalten von Geschäftsleuten", die sich nun einmal mehr für den Profit als für die Politik interessierten.

Der Widerstand der Bosch-Leute habe "von Judenhilfe über Auslandsbeziehungen und 'landesverräterischer' (sic) Nachrichtenwiedergabe bis zur aktiven Teilnahme an der Verschwörung des 20. Juli 1944" gereicht. Was die "Judenhilfe" betrifft - merkwürdige Terminologie -, so bewege man sich in der "schwierig auszulotenden Dunkelzone einer moralischen Mitschuld". Es seien in diesem Zusammenhang "namhafte Beträge" geflossen, "Beträge zwischen 500 und 1000 Reichsmark", um jüdischen Mitbürgern die Flucht zu erleichtern, aber Genaueres wisse niemand. Das einzige in Details belegte Beispiel betrifft das Schicksal der Martha Haarburger, die statt nach Auschwitz nach Theresienstadt deportiert wurde.

Sicher, auch das verlangte den Einsatz der Betriebsleitung, und Martha Haarburger war nach dem Krieg dankbar. Aber insgesamt, so muss der Autor einräumen, habe "keine reale Möglichkeit" zur Hilfe bestanden, und dies offenbare "die ganze Machtlosigkeit" des Unternehmens. Warum dann ein ganzes Kapitel, warum die großen Worte? Bei deren Wahl der Autor auch noch auf irritierende Weise daneben greift: "Die vielfältigen Stuttgarter Hilfeversuche" seien "ebenso außergewöhnlich wie ... die nur unter dem Zeichen des Terrors verständliche Kooperation mancher Judenräte mit ihren Vernichtern". Bei solchen Vergleichen kommen ernste Zweifel auf, ob der Verfasser auf der Höhe seines Gegenstandes ist.

Die angeblich landesverräterischen Auslandsbeziehungen des Boschkreises dienten vor allem der Sicherung des Auslandsvermögens und diversen Geschäftsaktivitäten des Unternehmens außerhalb des Reiches. Die angeblich aktive Teilnahme an der Vorbereitung des Attentats erschöpfte sich in Gesprächen mit Carl Goerdeler, der seit 1937 als Lobbyist für das Unternehmen tätig war und alle vier bis acht Wochen nach Stuttgart berichtete. Nicht eben viel, denn - so Scholtyseck in einer seiner kunstvollen Volten - "das hätte eine unnötige Gefährdung bedeutet". So aber blieben die "Stuttgarter Verschwörer" weitgehend unbehelligt - was selbst den Autor ein wenig verwundert - und konnten sich nach dem Krieg gegenseitig ihren Widerstand bescheinigen.