Gelobt seien ein Frühlingsmorgen an der Alster und ein klarer Kopf, denkt Bella. Sie hat, man glaubt es kaum, die Nacht im Atlantic mit Kranz verbracht, dem Polizeipsychologen. Kranz mit seinem romantisierenden Frauenbild! Nun braucht sie einen Kaffee. Ihren nächtlichen Traum - "sie und Kranz, dicht aneinandergedrängt auf einer Bank sitzend" - versteht sie als Aufforderung, sich über ihre Zukunft Gedanken zu machen. Und das ist so klar wie der Frühlingsmorgen: "Sie wird allein bleiben, ihren Kopf und ihren Körper fit halten und bis ans Ende ihrer Tage glücklich sein

oder unglücklich, wie es sich gerade ergibt. Aber sie wird niemals abhängig sein."

Wie gefährlich doch Träume sind! Liebe gleich Prostitution gleich Abhängigkeit. Das ist die Rechnung, die das Leben den Frauen ausstellt. Doris Gercke bleibt auch in ihrem zehnten Bella-Block-Roman hart am Mann. Kranz als einer von der harmloseren Sorte darf mitspielen, er hat den Durchblick: "War es nicht immer Ihre These, Bella, dass Krieg herrscht zwischen Männern und Frauen? Krieg, in dem den Männern jedes Mittel recht ist, um die Frauen am Boden zu halten?"

Für Die Frau vom Meer hat Doris Gercke mit ihrer Protagonistin ein Einsehen gehabt und sie nach drei Jahren Sibirien heimkehren lassen. Eigentlich hatte Bella, die aus dem Polizeidienst ins Private gewechselte Hauptkommissarin mit "unehelichem" russischem Großvater, der ein Dichter war, was der Lyrik-Liebhaberin Doris Gercke viele schöne Zitate ermöglicht, dort in Sibirien, in der Stadt der Frauen, bleiben wollen, um zu helfen. In der Erinnerung sind tiefe Resignation und Schmerz: "Hatte Lena etwa nicht mit ihrem Leib dafür bezahlt, dass sie, ihre Töchter, überhaupt Sachen hatten?"

Und die Erinnerung gilt lauter schwarzen Löchern. "Die Wohnung ist ein schwarzes Loch in einer Stadt, die ein schwarzes Loch ist in einer Welt, die ein schwarzes Loch ist."

Zurück im konsumsüchtigen Westen fühlt sich Bella unbehaglich und ist eigentlich nicht ansprechbar, als Kranz ihr Interesse zu gewinnen sucht für den Fall, der Wellen schlägt: In einem Haus in einer Vorstadtsiedlung hat eine Mutter ihre drei Kinder umgebracht. Das unvorstellbar Schreckliche, es ist nicht mehr unvorstellbar seit Medeas Zeiten. Kranz, der Romantiker, glaubt an die Unschuld der Frau, Bella, die Skeptische, nach Lage der Beweise nicht. Sie geht trotzdem in die Verhandlung. Es erweist sich, dass schlampig ermittelt wurde. "Weil ja auf der Hand liegt, dass es die Frauen sind, die ihre Kinder umbringen", denkt Bella und ruft sich selbst zur Ordnung.

Der forensische Schlagabtausch mit glorreicher Rehabilitierung am Ende, den man anderenorts vielleicht erwarten könnte, liegt nicht in Doris Gerckes Absicht. Ihre Fronten verlaufen anders, Schuld ist längst zugeteilt. Der Freispruch vor Gericht, vor dem "üblichen Publikum, vom Gesetz ,die Öffentlichkeit' genannt, eine der vielen wirksamen Methoden, die bürgerliche Demokratie als die einzig wahre Demokratie vorzuführen", ist irrelevant.