Berlin Ich bleibe ein Ossi", hatte Irene Runge kurz nach der Wende gesagt, "die Vereinigung mit den Westdeutschen ist mir körperlich unangenehm." Dann verkroch sie sich in ihren "Club". Dort, im Jüdischen Kulturverein an der Oranienburger Straße zu Berlin, wollte sie unter ihresgleichen sein. Dort wurde sie zur "grauen Eminenz", die für viele andere jüdische "Wende-Verletzte" eine neue geistige Heimat schuf.

Mit Gleichgesinnten hatte Irene Runge diesen Club noch zu DDR-Zeiten, Ende Februar 1990, gegründet, erst seit zwei Jahren ist sie auch Vorsitzende. Das zehnjährige Jubiläum wird am 9. März gefeiert damit ist der Jüdische Kulturverein, wie die Gründerin angibt, älter geworden als jede andere jüdisch-kulturelle Organisation, die es in Deutschland in den vergangenen 150 Jahren gegeben hat.

Irene Runge erzählt gern von den vergangenen Jahren, in denen die alte Welt für sie zusammenbrach und sie sich die neue erkämpfen musste. Lebhaft gestikulierend sitzt die kleine, gedrungene Frau in dem riesigen Sessel im Allzweckzimmer des Vereinsdomizils und feuert ihre Sätze mit der Geschwindigkeit eines Maschinengewehrs ab. Entwaffnend ehrlich, humorvoll und energisch wirkt sie - der Inbegriff einer Berliner Schnauze. In einem Atemzug spricht die 57-Jährige sowohl über ihre persönliche Entwicklung als auch über die des Vereins, bezieht beide immer wieder aufeinander: "Meine jüdische Identität hat mich lange nicht interessiert. Ich wollte eher so sein wie die anderen Kinder. War ich nie. Aber in unserem Club bin ich endlich da, wo ich sein kann wie die anderen Kinder."

Die Idee zu einem Kulturverein war ihr während einer Amerikareise gekommen, die ihr der Schriftstellerverband Mitte der achtziger Jahre ermöglicht hatte.

"Dort war es in der Synagoge nicht so, wie ich das kannte - so nach dem Motto, wir quatschen, die da vorne machen, und verstehen tut man nur Bahnhof.

Nee, nee ... Die Amis waren voller Inbrunst dabei."

Und Inbrunst hatte bis dato im Leben der Irene Runge gefehlt. Eine religiöse Erziehung hatten ihr die Eltern, überzeugte Kommunisten, nicht mitgegeben, obgleich ihr Vater, der Schriftsteller und Kunsthistoriker Georg Friedrich Alexan, aus einer orthodoxen Familie stammte. Als Kommunisten und Juden teilten die Alexans das wechselvolle Schicksal vieler Emigranten jener Jahre: Schon 1929 flohen sie vor der heraufziehenden Macht der Braunen, lebten zuerst in Paris, dann in New York, wo 1942 die Tochter Irene geboren wurde.