Nun sind schon einige Wochen vergangen, aber ich kann diese Mixtur aus Pop und Byzanz im Kreml nicht vergessen. Das offizielle Moskau feierte im Großen Kremlpalast 2000 Jahre Christentum mit einer irrwitzigen Veranstaltung, bei der selbst Surrealisten vor Neid erblassen würden.

Zuerst traten Aleksij der Zweite, der Patriarch von ganz Russland, und Interimspräsident Wladimir Putin auf und brachten beinahe Händchen haltend weinerliche Reden über die beiderseitige Liebe von Staat und Kirche zu Gehör.

Der Patriarch ähnelte in seinem Galagewand gleichzeitig einem mit Flitter und Lichtern geschmückten Weihnachtsbaum und dem Weihnachtsmann persönlich.

Endlich hatte ich auch Gelegenheit, mir Putin genauer anzuschauen. Äußerlich erinnerte er mich mit seinem nicht sehr sportlichen Bäuchlein an einen Inspektor der Verkehrspolizei, der nachts an einer Moskauer Ausfallstraße Autos anhält, um zu überprüfen, ob der Fahrer auch nicht betrunken ist.

Plötzlich ging im Saal das Licht aus. Auf einem riesigen Bildschirm erschienen Schirinowskij, Sjuganow und Primakow, vorgestellt als führende Politiker unseres Landes, und erklärten der Reihe nach den mehreren tausend Gästen, dass sie an Gott glauben. Niemand konnte mir den Grund ihres so wenig überzeugenden Auftritts erklären. Danach blieb nichts anderes übrig, als einen Kinderchor auf die unermessliche Bühne zu schicken, der von Engeln sang. Zwecks größerer Rührseligkeit waren die Kinder dekoriert - nicht etwa mit roten Pionierhalstüchern aus sowjetischen Zeiten, sondern mit großen Flügeln.

Wäre Breschnew in dem Moment auferstanden und hier gewesen, er hätte geglaubt, sich im Delirium tremens zu befinden, aber Breschnew war nicht da.

Es folgte ein Chor von hübschen jüdischen Jungen mit ängstlichen Gesichtern.