Das Leben in Toulon ist in mancher Hinsicht paradiesisch. Das Wetter, die Lage, die Mieten. Ein erstklassiges Atelier mit Wohnung von vielleicht 400 Quadratmetern kostet umgerechnet 1200 Mark im Monat. Wo gibt es das sonst an der C'te d'Azur?

Im Übrigen herrscht eine bleierne Zeit. Der frühere Bürgermeister: so korrupt, dass er trotz seiner 79 Jahre zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt worden ist. Er hatte die Fäden in Toulon und im Bezirk so lange in der Hand gehabt, dass er am Ende keinen Unterschied mehr machte zwischen dem provenzalischen clientelisme, landesüblichen Gefälligkeiten, und regelrechten Straftaten. Der neue Bürgermeister: ein Mann aus den Reihen der rechtsextremen Nationalen Front. Bei den Gemeindewahlen 1995 hat eine relative Mehrheit der Wähler (37 Prozent) für ihn gestimmt.

Das öffentliche Entsetzen beschränkte sich nicht auf die 63 Prozent der Bürger von Toulon, die den Mann vom Front National ausdrücklich nicht gewollt hatten. Ganz Frankreich machte sich laute Sorgen, zumal sich auch drei kleinere provenzalische Städte einen rechtsextremen Bürgermeister gewählt hatten: Orange, Marignane und Vitrolles. Der Protest von außen und der Kulturkampf von innen, die beide gleichzeitig einsetzten, bewirkten nichts.

Gleich bei der nächsten Gelegenheit, 1997, schickte eine Mehrheit der Wahlbürger von Toulon den Gefolgsmann Le Pens in die Nationalversammlung nach Paris. Bei den Regionalwahlen 1998 wäre um ein Haar die ganze Region Provence - Alpes - C'te d'Azur nach rechts außen abgekippt und Jean-Marie Le Pen so eine Art Landesvater geworden. In der Provence hat das nicht geklappt. Im nahen Languedoc-Roussillon hingegen regiert die Front in der Regionalhauptstadt Montpellier seither als stiller Partner mit.

Die Folgen sind auf subtile Weise verheerend, vor allem für die Kultur. Nicht für die großen Häuser, Staatsopern und Staatstheater, die in der französischen Öffentlichkeit immer genügend lautstarke Fürsprecher finden.

Eher für die kleinen und mittleren Einrichtungen, die auf lokale Aufmerksamkeit und Unterstützung angewiesen sind: Stadtteilradio, Ethnotheater, kommunale Galerien und Bibliotheken. In Vitrolles und Orange hat das Rathaus direkt in die Akquisitionspolitik der Stadtbibliothek eingegriffen, in Toulon hat es sich auf diesem Terrain bis heute nicht versucht.

In den ersten Monaten nach den Wahlen wurden die kulturpolitischen Gehversuche der Rechtsextremisten von spontan entstandenen und links unterwanderten Bürgerinitiativen für die Freiheit der Kunst überwacht.