Vernarrt müsste er eigentlich sein, vernarrt in Weiberfastnacht. An dem Tag dürfen die Frauen den Männern die Krawatten abschneiden. Und gerade zehn Jahre ist es doch erst her, da hat er - damals frisch gebackener Vorsitzender der Ost-SPD - gewettet, nie würde er eine Krawatte anziehen. Krawatte: Das war die Chiffre für übliche Politiker, genormte Wessis, für den Schrecken der neuen Gewöhnlichkeit. Das nie!

Mönchlein, Mönchlein. Wolfgang Thierse ist seitdem einen schweren Weg gegangen bis zur Entscheidung, den Angestellten des Bundestages das karnevalistische Feiern zu untersagen. Er will alles immer so richtig machen.

So richtig richtig. Schluss also mit lustig. Als Preuße (aus Breslau) hat er mit dem Karneval ohnehin nichts am Hut. Das Reichstagsgebäude ist ungeeignet für solche Zwecke, stellt Thierses Verwaltung fest. Donnerstag ist Arbeitstag, ganz normal.

Kanzleramt und Auswärtiges Amt haben beim Berliner Karnevalsprinzen Harald I., natürlich ein Rheinländer, angefragt, ob er dem Hause die Ehre erweise mit seinem Besuch. Wir feiern! Der Reichstag hingegen bleibt narrenfrei, ernst, deutsch mit Kuppel. Gerhard Schröder hat für den Mittwoch zu einer Kabinettssitzung eingeladen, um Karnevalsprinzenpaare zu empfangen. Ins alte Ambiente nach Bonn natürlich, nicht nach Berlin. Eine rheinische Lösung nach diesem Muster ist auch für Harald I. gefunden worden. Denn die Bonner hatten ihm untersagt, als Berliner Prinz mit einem eigenen Wagen im Rosenmontagszug mitzufahren. Das ist keinem fremden Prinzen erlaubt, jedenfalls nicht im Ornat. Bloß, der Prinz kütt doch. Jetzt fährt er mit auf dem Wagen der Bundeskunsthalle, im Gewand von Karl V. (zu dessen 500. Geburtstag gerade die große Ausstellung läuft). So sind sie dort, wo der rheinländische Kapitalismus entstanden ist.

Was Thierse mit dem kleinen blauen Handkoffer gemacht haben mag, der pünklich zum 11. 11., Beginn der närrischen Saison, an sämtliche 669 Bundestagsabgeordnete, auch an den Präsidenten, versandt worden ist? Eine Dose Kölsch, eine Sonnenbrille mit Kölner Dom, ein Fläschchen Kölnisch Wasser, Konfetti und auch eine Pappnase befanden sich in dem rheinischen Survival-Paket. Hat der Präsident sie wenigstens heimlich probiert, die Nase?

Immer diese Entscheidungen. Die Angst scheint umzugehen, das Hohe Haus könne seine Würde verlieren. Bevor er Präsident wurde, hat der Mann aus dem Osten bekanntlich den offenen Hemdkragen mehr als die Kleiderordnung geliebt. Aber im Amt wird man Amtsträger. Erzählt wird beispielsweise vom Kameramann, der seine Mütze im Reichstag nicht tragen darf. Verstößt gegen die Vorschrift!

Oder die von der Bundestagsverwaltung, die nicht wünscht, dass von den Rängen auf die Abgeordnetensitze hinunter gefilmt wird. Man könnte sehen, dass Abgeordnete gelegentlich schon mal Urlaubsfotos austauschen oder, noch toller, Kochrezepte. Das hat es alles schon gegeben. Wahnsinn.