Die Frage, ob Deutschland von der Wirtschaftspolitik Frankreichs lernen könne, hätte vor wenigen Jahren noch selbstgefälliges Hohngelächter auf deutscher Seite ausgelöst. Frankreich galt als staatsdirigistisches Hochinflationsland par excellence. Inzwischen hat sich das Blatt gewendet: 1999 wuchs die französische Wirtschaft im sechsten Jahr in Folge stärker als die deutsche. Im gleichen Zeitraum zog das Nachbarland ein Vielfaches ausländischer Direktinvestitionen an. Frankreichs Teuerungsrate liegt mittlerweile konstant unter der deutschen. Die Exporte sprudeln, der Konsum brummt. Die seit 1997 kontinuierlich sinkende Arbeitslosenquote soll Prognosen zufolge im Jahr 2001 an die 8-Prozent-Marke heranreichen. Allein im vergangenen Jahr wurden 450 000 neue Jobs geschaffen. Wachstum schafft in Frankreich viel schneller Arbeitsplätze als in Deutschland. Selbst die strengen Beobachter der OECD bescheinigen dem einst heftig kritisierten Land, in eine Art Glücksspirale steigender Produktion, wachsender Zuversicht und anziehender Beschäftigung eingetreten zu sein.

Frankreich, die neue Wachstumslokomotive im Euroland? Ein Modell für Europa?

Noch fehlt es der Aufwärtsentwicklung an Nachhaltigkeit. In Paris freut man sich indes still und leise über die neue Führungsrolle, weist aber gleichzeitig bescheiden darauf hin, dass Irland, die Niederlande und Spanien noch stärker wüchsen - wenngleich auf niedrigerem Niveau. Die Regierung Jospin erntet heute die Früchte des Strukturwandels der vergangenen 15 Jahre.

Getragen wird der Aufschwung von der "neuen Ökonomie", von Telekommunikation, Medien und Mikroelektronik - und zwar ganz ohne Zuwanderung von High-Tech-Spezialisten aus fernen Ländern. Trotz des anhaltenden Dirigismusverdachts können französische Unternehmer inzwischen weitgehend flexibel verfahren. Gleichwohl hat sich Jospin nicht dem Diktat der Ökonomie unterworfen. Im Gegenteil: Er macht sein Land berechenbar für ausländische Investoren. Jene würden französische Unternehmen bevorzugen, machte Frankreich der Bundesrepublik den Spitzenplatz im europäischen Wirtschaftsranking tatsächlich streitig.

Hierin besteht allerdings auch die Kehrseite des Erfolgs: Im Zuge der Privatisierungspolitik geraten französische Unternehmen zunehmend in die Hände von ausländischen Aktionären. Wenn in Frankreich die Wirtschaft boomt, freuen sich daher zuerst US-amerikanische Pensionäre. Französische Privatanleger bilden noch die Ausnahme.