Viele Jahrhunderte lang gehörte die Judenfeindschaft zum "mentalen Rüstzeug" (Lucien Febvre) der christlichen Europäer. Entscheidend verantwortlich dafür waren die Lehre und Verkündigung der Kirchen, in denen die Juden als "Gottesmörder", "verstockte Ketzer" und "Blutsauger der Armen" diffamiert wurden. Fragt man des Besonderen nach der Rolle der katholischen Kirche, so lässt sich deren Haltung gegenüber den Juden besser noch als in jedem Dokument im weltlichen Reich des Papstes selbst studieren: im Kirchenstaat, der ja bis weit ins 19. Jahrhundert hinein etliche mittelitalienische Provinzen umfasste und erst am 20. September 1870 mit der Einnahme Roms durch die Truppen des jungen Königreichs Italien von der Bühne der Geschichte verschwand. Selbst der letzte Papstkönig, Pius IX. (er regierte von 1846 bis 1878), unterdrückte seine jüdischen Untertanen noch in einer Weise, die an den Glaubenseifer des konfessionellen Zeitalters erinnert - bis 1870 waren sie in Rom (und bis 1860 auch in Ancona) gezwungen, im Ghetto zu leben.

Dabei standen die acht Jahrzehnte, die 1796/97 mit der Eroberung Italiens durch französische Heere begannen, für die Juden im Kirchenstaat unter dem Zeichen gegensätzlichster Erfahrungen. Die Truppen der Revolution brachten ihnen die Gleichstellung mit den übrigen Bürgern. Durch die Errichtung der Römischen Republik als französische "Schwesterrepublik" fiel 1798 das alte Sonderregime gegen sie dahin. Gleichsam über Nacht verwandelten sich verachtete Ghettojuden in Citoyens und 1809, als Rom von Napoleons Frankreich annektiert wurde, in gleichberechtigte Angehörige des Empire. In dieser Zeit erschlossen sie sich viele neue Berufsfelder, während sie außerhalb der Ghettos Häuser und Geschäfte erwarben. Die revolutionären Ideen - Bürger- und Menschenrechte! - beförderten ihren sozialen Aufstieg und schienen den Sieg über das alte Apartheidsystem davongetragen zu haben.

Das römische Ghetto war 1555 unter Papst Paul IV., einem fanatischen Judenhasser, im düstersten Viertel nahe des Tibers eingerichtet worden. Für die Betroffenen kam der "Judenzwinger" (Ferdinand Gregorovius) einer institutionalisierten Form der Gewalterfahrung gleich. Sein eigentlicher Zweck bestand darin, den Druck auf die Juden so zu erhöhen, dass diese ihrem Irrglauben abschwören und zum alleinseligmachenden Katholizismus konvertieren sollten. Die hohen Sonderabgaben und die größer werdende Schuldenlast, die ständigen Reparaturarbeiten nach den Tiber-Überschwemmungen und ihre elenden Berufe hatten die soziale Lage der Ghettobewohner kontinuierlich verschlechtert. Ende des 18. Jahrhunderts waren sie in ihrer Mehrzahl bitterarm. 1785 gab der aufgeklärte Hommes de lettres Charles Mercier Dupaty zu Protokoll, dass die Lebensbedingungen der römischen Juden unerträglicher seien als überall sonst in Europa.

Umso härter musste sie nach Jahren ihrer ersten Emanzipation die Restauration von 1814 treffen. Mit ihr büßten sie ihre junge Gleichheit und Freiheit wieder ein. Obwohl sie dem aus der Gefangenschaft in Fontainebleau zurückgekehrten Papst Pius VII. die hohe Summe von 100 000 Scudi für den Fall in Aussicht stellten, dass er ihre politischen und bürgerlichen Rechte bestätige, stieß sie das Kirchenoberhaupt in ihre alte Ghettoexistenz zurück.

Unter seinem Nachfolger Leo XII. wurden die meisten Sonderbestimmungen wieder in Kraft gesetzt. So erneuerte er den Wohnsitzzwang im Ghetto, das Verbot jeden Grundbesitzes, den demütigenden Tribut an die casa dei catecumeni, die Indizierung des Talmuds und die Zwangspredigten in der nahe gelegenen Kirche San Angelo in Pesceria, denen die Juden in genau fixierten Abordnungen jeweils am Sabbat beiwohnen mussten. Auf die Einhaltung der im Corpus iuris canonici enthaltenen Verkehrsverbote wurden wieder streng geachtet: Juden sollten mit Christen nicht gemeinsam speisen und trinken, nicht unter einem gemeinsamen Dach wohnen, miteinander keine vertraulichen Gespräche führen und schon gar keine Ehe eingehen. Jüdische Familien durften keine christlichen Dienstboten beschäftigen und Juden keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden.

Blasphemische Äußerungen gegen das Christentum sollten erneut streng geahndet werden. So wurde 1823 ein jüdischer Trödelhändler, den die Inquisition der Gotteslästerung zieh, gefoltert und nach seinem "Geständnis" während des Purim-Festes auf der Piazza di San Carlo a Catinari an den Pranger gebunden.

Die erneute Ghettoisierung zog den neuerlichen Ruin der Juden nach sich. Die älteste jüdische Gemeinde Europas war im 19. Jahrhundert zugleich die ärmste Italiens. Besonders hart traf die Juden, dass es ihnen künftig wieder verboten war, außerhalb des Ghettos Geschäfte und Magazine zu führen.