Zwischen Ende 1991 und Mitte 1998 gehörte die Schweizer Börse weltweit zu den Spitzenreitern. In sechseinhalb Jahren legte der Swiss Market-Index (SMI), der 23 internationale Werte umfasst, um 350 Prozent zu. Anleger aus dem Ecu-Raum konnten sich dank des starken Frankens sogar noch einen Währungsgewinn dazurechnen. Einzelne Titel wie Crédit Suisse, Zürich, Novartis oder Roche glänzten mit Kursgewinnen von 400 bis 600 Prozent. Doch seit eineinhalb Jahren ist der Schwung dahin. 1999 schloss mit einem im internationalen Vergleich mageren Plus von 6 Prozent. Auch der Schweizer Franken hat offenbar seine Anziehungskraft verloren. Was ist mit der Schweiz geschehen - zumal die fundamentalen Wirtschaftsdaten keineswegs hinter jenen des übrigen Europas hinterherhinken?

Alle wichtigen Konjunkturindikatoren signalisieren einen Aufschwung auf solider Basis. Exporte, Auftragseingang, Stellenangebote und Autoneuzulassungen steigen, die Arbeitslosenrate sinkt. Auch ist der Zinsanstieg nicht stärker ausgefallen als auf dem übrigen Kontinent, weil die Schweizerische Notenbank eine relativ großzügige Geldpolitik verfolgt.

Es sind mehrere Gründe, die zusammen die Flaute prägen:

- Spektakuläre Kurssteigerungen fallen vor allem dort an, wo Restrukturierungen, Fusionen und Übernahmen anstehen. Die hiesigen Großunternehmen haben indes das große Beben bereits hinter sich, man denke nur an UBS und Novartis. Es ist aber nicht so, dass die ganze Schweizer Börse tot ist, vielmehr konzentriert sich die Fantasie heute auf mittelgroße und kleine Unternehmen. Diese vormals geschmähten Nebenwerte haben mit einem Wertzuwachs von 55 Prozent im vergangenen Jahr den Bewertungsrückstand gegenüber den Titeln der ersten Garnitur weitgehend kompensiert. Doch mit einer Gewichtung von weniger als 20 Prozent im Index ist dieses Segment im internationalen Geschäft belanglos, denn dieses braucht liquide Titel.

- Ein liquider Markt ist aber erste Voraussetzung für ein Engagement der institutionellen Anleger - und diese verwalten mittlerweile immerhin zwei Drittel der Anlegergelder. Die Schweizer Börse verfügt über eine Kapitalisierung von rund 1000 Milliarden Franken, wovon allein die acht großen Schwergewichte (Novartis, Roche, Zürich, Schweizer Rück, UBS, Crédit Suisse, Nestlé und ABB) 70 Prozent beisteuern. Zurzeit wird die Musik jedoch in anderen Branchen gespielt, sodass auch die Schweizer Institutionellen immer mehr ins Ausland diversifizieren.

- Die Märkte unterscheiden heute recht simpel nach "Tech" und "Non-Tech". In der helvetischen Börsenlandschaft gibt es aber nur vereinzelte Technologieunternehmen. Werte wie ABB, Swisscom, Swatch oder Kudelski bringen es zusammen gerade auf ein Zehntel der Börsenkapitalisierung und vermögen den Index nur beschränkt zu beeinflussen. Ganz anders bei den deutschen Aktien: Dort gehören die vier schwersten Werte zum Technologie- und Telekommunikationsbereich und haben im Dax ein Gewicht von 40 Prozent.

Zusammen genommen, ergibt sich eine eher ernüchternde Bilanz für die Edeltitel aus dem Bergland. Heute sind UBS, Novartis, Schweizer Rück, Nestlé, Zürich und andere zwar wieder fair bewertet. Doch findet das lebhafte Börsengeschehen außerhalb der Landesgrenzen statt. Denn in ganz Euroland haben die Technologie- und Telekommunikationswerte einen wesentlich höheren Stellenwert - im Euro-Stoxx 50 etwa haben sie inzwischen ein Gewicht von mehr als 45 Prozent. Auch sonst kann mit einer breiter angelegten europäischen Anlagestrategie mehr Wirtschaftsdynamik eingefangen werden als mit den auf Solidität getrimmten Schweizer Blue Chips. Der individuelle Anleger sucht Unternehmen mit Pep, und der institutionelle Anleger sucht Werte, die einer länderübergreifenden Marktentwicklung folgen. Die Profis müssen sich an Referenzindizes und ihren Konkurrenten messen und entsprechend mehr oder weniger mit den Wölfen heulen. Den Wölfen aber steht der Sinn derzeit nicht nach helvetischer Standardkost.